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inmitten breitgeführter Situationen abspielen. So gewinnt er einen lebendigen Hintergrund für den lebhaften Vordergrund, so individualisiert er seine Allerweltsgeschichte. Weil wir an das gut gezeichnete Genre dank der intimen Darstellung glauben müssen, finden wir auch den Glauben an die mehr typische und stark konstruierte Centralfabel. Der Hauptsache wird durch die Nebensachen erst das rechte Leben eingeblasen.

Mit dem Genre hat es für uns kontinentale Leser freilich auch seinen Haken. Das Genre soll hier nicht nur sittenschildernd illustrieren, sondern ebensosehr unterhalten, weil der Autor Realist und Humorist sein will. Eine humoristische Scene oder Figur darf nun in der Darstellung nur charakteristisch angedeutet werden. Volle Ausführung würde schwerfällig wirken und weniger intim, weil der Leser aus Eigenem nichts mehr hinzubringen könnte. Auch unser Autor giebt oft bloss Andeutungen, die uns, weil wir an der unteren Themse nicht zu Hause sind, oft unverstanden oder halberkannt bleiben. So verpufft für uns gar manches. Mit der Bodenständigkeit nimmt eben die Wirkung in die Ferne ab. Wenn also ein derartiges Werk bei uns auch noch wirkt, so bedeutet diese Feststellung bereits eine starke Anerkennung. Innsbruck.

R. Fischer.

English letters, von Dr. Johann Ellinger (Schulbibl. frz. u. engl.

Prosaschriften aus der neueren Zeit, herausgegeben von
L. Bahlsen und J. Hengesbach, Abt. II, 33. Bändchen).

Als Gegenstück zu Engwers Sammlung 'Lettres françaises’ gearbeitet, bietet der Band auf den Seiten 7—65 ‘Familiar Letters'. Etwa 20 Seiten dieses Abschnittes werden von einer Auswahl von Briefen Harry Fludyers eingenommen; die übrigen sind teils von 'berühmten', teils von ‘unberühmten' Personen in neuerer und neuester Zeit wirklich geschrieben worden. Ein Teil derselben, Briefe 1-9, dürften inhaltlich nicht bedeutend genug sein, um Verwendung im Unterricht in einer U II oder U I zu finden. Ähnlich steht es mit den meisten Briefen des zweiten Teils des Bändchens, S. 65-110, der nichts mehr und nichts weniger ist als eine Anleitung zur Abfassung von Geburtstags- und Dankesbriefen, Stellengesuchen, Geschäftsbriefen.

Die Introductory Observations, S. 1–6, enthalten einige praktische, allgemeine Winke für die Abfassung eines englischen Briefes. Unrichtig ist S. 5: The younger sons of Earls are styled Honourable and Esquire, the latter title being written in full, not as the common Esq. of courtesy. An die jüngeren Söhne von Earls adressiert man vielmehr: The Honourable ..., nämlich mit folgendem Vor- und Familien namen (also nicht etwa dem Titel des Earls) und nichts weiter. Richtig ist über den Unterschied von Esquire und Esq., was Klöpper in seinem Reallexikon unter Esquire sagt: 'als Zeichen höheren Respektes schreibt man das Wort ganz aus'.

Der Hauptteil des Bändchens ist sorgfältig gearbeitet. Sollte Carlyle wirklich geschrieben haben (S. 43): Nothing in your letter was thousandthpart so interesting as ..., so würde dazu eine Anmerkung zu machen sein, die auf das vor thousandthpart nötige a hinweist. Das gleiche gilt für Dickens, der 1860 geschrieben haben soll: I am something worn to-day und nicht somewhat (S. 79). A long time has elapsed since I did not drop a single line, S. 65, halte ich nicht für korrekt und würde empfehlen since I last dropped a line.

Zu dem Kapitel ‘Anmerkungen' gestatte ich mir zu sagen, dass solche wie: 'Folkestone, Hafenstadt südwestlich von Dover', 'Shakespeare, William, 1564–1616, grösster englischer Dramatiker, schrieb 36 Dramen', 'Julius Caesar, eine der Hauptpersonen in dem gleichnamigen Trauerspiel Shakespeares', 'Plymouth, einer der wichtigsten Häfen und zugleich eine der schönsten Städte Englands’, Manchester, Stadt in Lancashire, im Nordwesten Englands' und viele andere ähnliche keinen anderen Zweck erfüllen als die Seiten zu füllen.

Die Bemerkung S. 113: (my wife wird von gebildeten Leuten nicht gebraucht halte ich für unrichtig. Übrigens schreibt eine offenbar recht gebildete Dame (Amerikanerin ?) an Dr. Hengesbach (s. S. 65): compliments to your wife'. Dass man zu den Army and Navy Cooperative Stores in London nur mit besonderen, auf höhere Empfehlung ausgestellten Benutzungskarten Eintritt hat, ist unrichtig, wie ich aus wiederholten Besuchen in dem Riesenbazare weiss. Keinem Angehörigen der besseren Gesellschaft wird der Eintritt versagt. Niemand fragt nach einer Eintrittskarte. Der Verkauf geschieht allerdings nur an Mitglieder, die nach den Vorschriften auch allein den Vorteil der billigen Preise haben sollen. Weniger streng ist man in den Civil Service Stores, wo man auch Nichtmitgliedern Waren verkauft, wofern sie bar zahlen. - Nach S. 118 ist Th. Carlyle ein viel belesener Schriftsteller.

So wichtig meines Erachtens eine Anleitung zur Abfassung von Briefen für den neusprachlichen Unterricht ist, so dürfte doch die Benutzung von Briefen als Lektüre Schwierigkeiten finden, schon wegen der notwendigen Wahrung der Einheit des Interesses. Biebrich a. Rh.

Herman Lewin,

A trip to England by Goldwin Smith, mit Anmerkungen ver

sehen von Dr. G. Wendt (Schulbibliothek frz. u. engl. Prosaschriften aus der neueren Zeit, herausgeg. von L. Bahlsen und J. Hengesbach, Abt. II, 34. Bändchen).

Goldwin Smith, ursprünglich englischer Jurist und Professor der Geschichte in Oxford, folgte 1868 einem Rufe nach Amerika, um zunächst an der Universität Ithaka, später in Toronto Vorlesungen über englische Geschichte und Verfassungsgeschichte zu halten. Er ist ein fruchtbarer Schriftsteller. Das vorliegende Werk ist hervorgegangen aus Vorlesungen, gehalten vor amerikanischen Freunden nach einer Reise in die alte Heimat, der er in Liebe zugethan geblieben ist.

Es war ein glücklicher Gedanke, uns diesen Text als Bildungsmittel für die oberen Klassen der Realanstalten zugänglich zu machen. Es zeichnet sich aus durch einen abgerundeten Stil, die Sachlichkeit des Urteils, die Reichhaltigkeit von eigenartigen Gesichtspunkten des Verfassers bei der Anordnung des Stoffes, den er in seltenem Grade beherrscht. Das Werkchen ist wie kaum ein zweites geeignet, die Kenntnis von Land und Leuten zu vermitteln. Es zerfällt in eine geschichtliche Einleitung, 27 Seiten, und eine Reihe von Abschnitten, die Universitäten, Great English Public Schools, Heer und Flotte, Land- und Stadtleben, Klima, Eisenbahnen, Klubs, Gesellschaftsleben, Kunst und Wissenschaft und vieles mehr auf 70 Seiten behandeln.

Die Anmerkungen, S. 97—116, sind zweckmässig und äusserst lehrreich, wie das bei einem so grossen Kenner englischer Realien, wie G. Wendt, nicht anders zu erwarten ist. Möchten sich doch auch andere Herausgeber zur Richtschnur nehmen, was Wendt über Anmerkungen S. VI sagt: 'Ich habe mich auf das Notwendigste beschränkt und nichts gegeben, was in den gewöhnlichsten Handbüchern steht oder sonst als bekannt vorausgesetzt werden kann.'

Zu S. 106—34, 10: Geturnt (in unserem Sinne) wird in England nicht, wäre zu bemerken, dass es auf dem Truppenübungsplatz Aldershot eine besteingerichtete Turnhalle giebt, in der die Rekruten regelrecht im Turnen ausgebildet werden.

Die Anfügung eines Registers zu den Anmerkungen ist dankbar zu begrüssen. Biebrich a. Rh.

Herman Lewin.

First days in England or talk about English life. By Emily

J. Candy. Für den Schulgebrauch herausgegeben von Emily J. Candy (Französische u. englische Schulbibliothek. Herausgegeben von Otto E. A. Dickmann. Reihe C, Bd. XXV).

Das Bändchen schildert die ersten Eindrücke, die eine junge Deutsche von Land und Leuten in England erhält, da sie mit ihrem Gemahl, einem jungen Engländer aus guter Familie, in ihrer neuen Heimat anlangt. Es bildet ein treffliches Hilfsmittel zur Einführung in das englische Gesellschaftsleben. Das Leben in einem der ersten Londoner Hôtels, Familienleben der oberen Klassen, die Vergnügungen derselben, Gottesdienst, die Sehenswürdigkeiten Londons, Wahlen – alles das hat einen Platz darin gefunden.

Leider finden sich in dem Bändchen einige Druckfehler und Ungenauigkeiten. Lies S. 2: of this kind und Admiralty Pier. S. 12: continual. S. 22: visitor. S. 23: principal. S. 27: vicious. S. 62 und 74: bachelor. S. 77: es scheint mir zweifelhaft, ob man sagt: to carve the fish and different joints ; besser wohl to help the fish and carve the joint. S. 83 f.: ein hunting-sportsman spricht nie von 'dogs', sondern von hounds'. S. 103: moment.

In den Annotations (zwölf Seiten) – die Anmerkungen sind in englischer Sprache abgefasst – überwiegt bibliographisches Material. Shakespeares Leben wird in sechzehn Zeilen von der Wiege bis zum Grabe abgehandelt. Nicht viel besser ergeht es den anderen litterarischen und sonstigen Grössen. Biebrich a. Rh.

Herman Lewin.

Heinrich Schneegans, Molière (42. Bd. der "Geisteshelden, eine

Sammlung von Biographieen). Berlin, Ernst Hofmann u. Co., 1902. IX, 261 S. 8. M. 2,40.

Zu den deutschen Molièremonographien von Lotheissen und Mahrenholtz gesellt sich nun nach etwa zwanzigjährigem Zwischenraum eine dritte, die, obgleich für weitere Kreise bestimmt, auch dem Fachmann manches Neue bringen dürfte. Nicht bloss auf eine zusammenfassende Verwertung der neuesten Forschungsergebnisse kam es dem Verfasser an, er wollte auch die Eigenart Molières, seine dichterische und technische Schaffensweise, die kulturelle Bedeutung seiner Satire und den innigen Zusammenhang von Erlebnis und Dichtung in der Molièreschen Komödie unter ein besseres Licht rücken.

Diese letztgenannte Absicht ist für die ganze Form der Darstellung bestimmend geworden: Schneegans verflicht die biographische Erzählung aufs innigste und in 'streng chronologischer Anordnung' mit der litterarhistorischen und ästhetischen Würdigung der einzelnen Komödien, so dass sich jedesmal aus dem Erlebnis die seelische Stimmung und aus dieser wieder die dichterische Schöpfung erklärt. Dass durch dieses Verfahren das Verständnis in mannigfachster Weise vertieft wird, kann gewiss niemand in Abrede stellen, der das schöne Buch gelesen hat. Man wird auch dem Verfasser nicht vorwerfen dürfen, er habe etwa die allgemeine und sociale Bedeutung von Molières Werk darüber vernachlässigt, oder er sei im Aufspüren des historischen und psychischen Substrats der Dichtung zu weit gegangen. Seine Betrachtung bemüht sich vielmehr in jedem einzelnen Falle wieder der löblichsten Vielseitigkeit.

Wenn sich aber der Litterarhistoriker einer so komplizierten Erscheinung wie Molières Leben und Werk gegenüber in eine Darstellungsform verschliesst, die nach einem einzigen Grundgedanken aufgebaut ist, so verzichtet er damit notwendigerweise auf eine Reihe von Vorteilen, die ihm eine biegsamere Disposition gewährt hätte. Die Subjektivität ist eben immer nur eine Seite, und, ich glaube, nicht einmal die wichtigste in Molières geistiger Physiognomie. Auch Schneegans, so scharf er sein Augenmerk darauf richtet, hat sie nur als ein zeitweilig hervorbrechendes, nicht als ein dauernd herrschendes Princip des künstlerischen Schaffens zu erweisen vermocht.

Sollte nicht vielmehr die Objektivität bei Molière das überwiegende Element sein? Sollte man nicht auf seine persönliche Subjektivität erst dadurch aufmerksam geworden sein, dass sie wie etwas Ausnahmsweises, Plötzliches, Blitzartiges herausbricht? Gerade durch ihr explosives Auftreten wirken diese Gefühlsergüsse. Wir Modernen mit unserer psychologischen Neugier freuen uns, so oft wir den Dichter auf einem Selbstbekenntnis ertappen. Aber kaum dürfte es einen zweiten Dramatiker geben, der mit ähnlicher Objektivität und Strenge über sein Herz gewacht hätte wie Molière. Wer ausser ihm hätte es vermocht, das eigene Lebensunglück komisch zu verwerten, wie es im Misanthrop geschehen ist? Und wenn das Stück uns 'kalt anmutet,' so glaube ich nicht, dass der Grund in der Unwahrscheinlichkeit des Aufbaues oder in der mangelhaften Individualisierung der Nebenfiguren zu suchen sei, wie Schneegans möchte (S. 156), sondern wohl darin, dass der normale Mensch dem Dichter nicht mehr zu folgen vermag in die feine Höhenluft jener Komik und Selbstironie. Besonders bei uns Deutschen fängt das Mitgefühl und die tragische Empfindung bälder an, an einem Punkte, wo der objektiver veranlagte Franzose noch das Komische des Konfliktes zu geniessen vermag. Dazu gehört aber jene vernunftmässige Strenge und jene ästhetische Enthaltsamkeit dem eigenen Gefühlsleben gegenüber, welche die innere Grösse aller klassischen Kunst ausmacht. Von diesem Gesichtspunkte aus muss uns gerade der Misanthrop als die höchste Leistung des Molièreschen Geistes erscheinen. Zum wirklichen Genuss des Werkes aber muss das Publikum – und besonders das deutsche – erst erzogen werden; und das, glaube ich, konnte eben dadurch erreicht werden, dass man weniger auf die sporadischen subjektiven Gefühlsäusserungen in Molières Werken aufmerksam machte, als vielmehr auf die edle Strenge und Objektivität, die ungetrübte – ich will durchaus nicht sagen: kalte-, sondern höchst gesunde Vernünftigkeit seines Geistes. So lange sich der Deutsche mit dieser Grundeigenschaft Molières nicht befreundet, werden wir es immer zu beklagen haben, dass der grosse Komiker bei uns nicht populär ist.

Die Vernunft, gepaart mit einem künstlerischen Harmoniegefühl, viel mehr als der ethische Hass gegen die Lüge oder als persönliche Gefühle, sind der Boden, aus dem mir seine Komik und Satire gewachsen zu sein scheint. Wir werden gewils dem Verfasser beistimmen, wenn er sagt: "Wer sich anders giebt, als er ist, wer besser scheinen will, als die Natur ihn gemacht hat, der ist seinem Spotte unbarmherzig verfallen. Dieser Grundzug, der Kampf gegen den Schein und die Unnatur, unter welcher Form sie sich verbergen mögen, durchzieht wie ein roter Faden sein ganzes Wirken. Die Preciösen und die Marquis hatte er aus diesen Gründen bisher angegriffen. Die heuchlerischen Frömmler, welcher Partei sie auch angehören mochten, verfolgte er demselben Ideal der Wahrheit zuliebe. Trotzdem möchte ich glauben, dass Molière zunächst weniger der heroische Vorkämpfer für Wahrheit und Aufrichtigkeit war, als der taktvolle Franzose, dem aller Widerspruch von Schein und Sein als komisches Motiv erscheint, als Lachgelegenheit. Er ist kein Juvenal. Wenn sich seine Thätigkeit bald zu einem heroischen Kampfe und zur Satire gestaltet hat, so ist das wohl eher das Verdienst seiner

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