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sie zufällig den Räuber. Er ist ein brutal-widerwärtiges Individuum, das sich in Pseudoeleganz an die Londoner Gesellschaft herandrängt, natürlich nur als outsider, soweit man mit Geld ohne Namen unter allseitigem Argwohn mitthun kann. Die Heldin lebt wieder auf. Nun verliert sich die Fabel ins Dunkle. Nur eine Scene noch: die Heldin als Frau des Diebes oder, besser gesagt, des Besitzers vom Smaragd, in der Opernloge, glückstrahlend, da ihr der herrliche Stein wieder um den Nacken hängt.

Wie verwickelt die Fabel ist, so verblüffend einfach ist das Problem: die Heldin hat die Juwelenmanie. Sie opfert ihrem Stein alles: Liebe, Ehre, Anstand, Lebensstellung und Wohlleben, sie kämpft um ihn mit der Todesverachtung einer verwundeten Bestie, sie trauert um ihn in der Erschlaffung einer Geistesgestörten. Alle Register werden vom Autor aufgezogen, er zeigt uns seine Heldin von allen Seiten. Aber immer nur giebt er Thatsächliches, bloss äussere Erscheinungen, niemals erklärt er aus dem Innenleben. Von Anfang bis zu Ende bleibt die Heldin eine rätselhafte Sphinx, unbewegt in sich trotz ihres bewegten Lebens.

Auch das ist seltsam. Wieder verdirbt sich der Autor sein Problem, indem er um jeden Preis 'interessant werden will. In Flames geht er positiv zu Werke: er überdeutlicht durch occultistische Erklärung. Im Slave gefällt er sich in der Negation jeglicher Begründung. Hier wie dort narrt er seinen Leser: man hofft während der Lektüre von Seite zu Seite auf eine natürliche Lösung. So verbirgt der Autor jedesmal den eigentlichen Charakter seiner Probleme - wie es scheint mit berechnender Absicht: man soll ihn nicht durchschauen, um nicht etwa das Buch mit dem bitteren Wort ‘Kolportageroman' halbgelesen aus der Hand zu legen.

Ich freilich hätte beidemal zu Ende gelesen – wegen des Beiwerks.

Die Romane spielen im heutigen London, ihre Hauptfabeln auf dem Boden der Gesellschaft. Sie spinnen sich aber episodisch auch nach den unteren und untersten Schichten der Bevölkerung. Der Autor kennt sich oben und unten gut aus. Er hat für Klassen- und Kastenleben da und dort ein scharfes Auge und weiss ausgezeichnet darzustellen. Seine Genrescenen sind gut abgerundet und treten plastisch heraus, bestechen durch überzeugende Echtheit und atmen warmes Leben, sie heimeln intim an. Seine Genrefiguren verbinden mit den herben Konturen von Momentbildern eine typische Tiefe, die sie zu wahren Kunstgebilden verallgemeinert. So in den genrehaften Intermezzos. Aber der Autor ist noch mehr als ein treffsicherer Sittenschilderer. In jeden dieser Gesellschaftsromane verflicht er eine ‘proletarische Nebenhandlung. Wahrscheinlich aus der glücklichen Erwägung heraus, dass er gegen die von des Gedankens Blässe angekränkelten Konstruktionen seiner Haupthandlungen lebensfrische Gegengewichte braucht.

In Flames mutet einen das Problem der Nebenhandlung für einen englischen Roman unserer Zeit sogar sehr kühn an. Die Heldin ist eine Strassendirne. Sie hat alle t'narten und Widerlichkeiten des verwahrlosten Mädchens aus dem Volke, das so tief gesunken ist. Das Typische der Figur wird nicht etwa gemildert, sondern tritt mit stärkster Deutlichkeit heraus. Als wichtige Gestalt muss sie ja eingehend behandelt werden, und die realistische Manier des Autors rückt sie in helles Licht. Cuckoo wird uns in allen nur halbwegs möglichen Situationen vorgeführt. Trotzdem wirkt sie anziehend und liebenswürdig. Freilich zeigt sie uns der Autor in der aufsteigenden Linie ihres Lebens, wie sie sich durch ihre langsam erwachende und mählich anschwellende Liebe zu Julian aus ihrem Pfuhl nach und nach herausarbeitet. Dabei wird jede falsche Sentimentalität und geschminkte Romantik à la Dame aux Camélias völlig vermieden. Sie ist die Verlorene, die sich wiederfindet. So wird ein menschlich wahres Problem natürlich gelöst. Es ist interessant weil originell, und gesund weil, obschon selten, doch nicht seltsam. Der Sittenschilderer erhebt sich hier zum Lebensschilderer, der nachbildende Beobachter zum schöpferischen Vorbildner.

Ähnliches gilt für die Nebenhandlung im Slave. Die Heldin gehört als Tänzerin im Ballettchor zur Klein-Bohème. Social ist sie vollkommen das Geschöpf ihres Milieu. Sie hat alle Unarten, aber nicht die Untugenden ihres Standes. Individuell ist sie rein und fein, nicht in den Formen, aber im Wesen, in ihrem Denken und Empfinden. Mit ihr, der kürzlich grundlos verlassenen Braut, trifft der vornehme Jugendfreund und abgewiesene Werber der Hauptheldin zusammen. Sie sind also Leidensgenossen. Er fühlt sich bezwungen von der stillen Reinheit ihrer Natur, sie erwärmt sich an der Freundschaft des Wunschlosen. Bald dämmert in beiden unbewusst eine schüchtern keimende Liebe. Bevor sie noch bei ihm zum Durchbruch kommt, erstickt er sie in seinem Herzen ; er will eben treu in Diensten seiner Dame stehen. Das Mädchen errät die Wendung mit dem Feinsinn des Weibes und findet dann ihren Lebenshalt einwandsfrei in einer leidenschaftslos, aber sympathisch geschlossenen Ehe. So sind es nur gebrochene Töne, die der Autor hier anschlagen kann. Das Thema, so derb es seinem der niederen Bohème entwachsenden Milieu nach äusserlich auch ist, es lebt innerlich von zartester Diskretion. Auch dies ist dem Autor völlig gelungen.

Die beiden Mädchen aus der unteren Demimonde und Bohème sind dichterische Schöpfungen ersten Ranges: menschlich liebwert, litterarisch fesselnd, künstlerisch bedeutend.

Überschaut man des Autors Verhalten in beiden Romanen, so zeigt es den auffallenden Gegensatz zwischen dem raffinierten Gestalten der Haupthandlungen und dem naiven der Nebenhandlungen. Die Ursache liegt darin, dass er den Stoff für jene freischöpferisch bildet, für diese im Leben findet. Mit jenem scheitert er, mit diesem glückt es ihm. Auf Grund der Beobachtung zu schaffen, gelingt ihm. So steht er auf der ersten Stufe dichterischer Entwicklung. Wo er hingegen souverän aus freier Phantasie heraus ein gedankentiefes Problem in Handlung verkörpern muss, da wird er am Problem zum unsicheren Grübler, und die daraus erwachsende Handlung kann keine festen Umrisse gewinnen. Er ist vor dem höchsten Ziel seiner Kunst elend zusammengebrochen, nach

dem er das nähere prächtig erreicht hat. Dies Fehlschlagen gilt wohl bloss für die Gegenwart. Er braucht ja sein vielversprechendes Talent nur ruhig ausreifen zu lassen. Als echter Moderner wollte er zu rasch schaffen. Weil Wollen und Können ihm noch nicht im Einklang stand, suchte er die ruhig schaffende Kraft durch das nervös - übertreibende Raffinement zu ersetzen. Wird er also Geduld mit sich haben, so wird sein Leser in Zukunft nicht so viel Geduld für seine Werke brauchen. The wordlings by Leonhard Merrick (vol. 3457).

Der Roman enttäuscht. Sein Autor hat sich früher mit Besserem eingestellt. Die Enttäuschung wird um so grösser, als man sieht, dass der Autor mit einem guten Stoff infolge einer schlechten Absicht gescheitert ist. Solche persönliche Auslegung ist zwar gefährlich. Aber wenn sie sich dem Beurteiler so deutlich aufdrängt wie mir hier, dann darf sie wohl ausgesprochen werden. Vielleicht auch darum, weil die Begründung Principien fragen aufrollt.

So wie das Buch vorliegt, gehört es zu den allzu vielen Leihbibliothekromanen. Das bedeutet erstlich eine verwickelte Geschichte in spannender Darstellung. Dadurch wird die Neugier des Lesers dauernd erhalten. Es bedeutet ferner eine kuriose Vorgeschichte. Sie ist nicht nur technisch notwendig als Bedingung für die verwickelte Hauptgeschichte, sondern auch dem Leser förderlich, weil er schon durch die Materie gleich zu Anfang gepackt wird, und weil das seltsame Element seine Sehnsucht nach dem Aussergewöhnlichen stillt. Endlich bedeutet es für das Problem einen versöhnenden Abschluss. Der gute Ausgang der Geschichte verhindert, dass der aufgerüttelte Leser dauernd aus seinem philiströsen Gleichgewichte herausgebracht werde. All diese primären Anforderungen, die der Dutzendleser an den Dutzendroman stellt, werden vom Autor in seinem Buche pünktlichst erfüllt.

Denn man höre: In Südafrika unter den Goldgräbern stirbt der arm gebliebene Philip Jardine. Vor mehr als zwanzig Jahren hat er sich – fast noch ein Knabe - mit seinem Vater verfeindet und war von England in die weite Welt gegangen. Und eben jetzt hat der Alte – durch unverhoffte Erbschaft adelig und steinreich geworden – den entfremdeten Sohn heim berufen. Zu spät. An Philips Bahre trauern seine Freundin', eine verwitwete Mrs. Fleming, abenteuerlichen Ursprungs, und sein Freund Maurice Blake, auch ein armer Teufel. Die Frau ist untröstlich. Philip hat sie nämlich heiraten wollen. Hätte er es gethan, so wäre sie jetzt als Schwiegertochter des alten Sir Noël glänzend versorgt. So aber bleiben ihr nur traurige Erinnerungen. Da fasst sie den kühnen Gedanken, Maurice als Philip zu Sir Noël zu schicken. Er sieht dem Verstorbenen sehr ähnlich, er soll dessen Rolle spielen. Dafür muss er ihr zeitlebens ein Viertel seines künftigen Einkommens abtreten und sie in England gesellschaftlich placieren. Nach anfänglichem Sträuben geht Maurice auf den Betrug ein, weil ja keinerlei Verwandte Sir Noëls leben, also eigentlich materiell nur der Staat um das Erbe kommt. Dies die Vorgeschichte. Die Hauptgeschichte gliedert sich in drei Teile.

Im ersten gelingt Maurice der Betrug vor Sir Noël. Bald gewinnen sich der Alte und der Junge lieb. Überdies verliebt sich Maurice in Lady Helen, die reizende Tochter einer Gutsnachbarin. Er kämpft zwar gegen den Gedanken, den Betrug weiterzuspinnen, doch der Alte drängt enkelsüchtig zur Ehe, und im Jungen kapituliert das Gewissen vor der Leidenschaft. Maurice heiratet.

Im zweiten Teil tritt Mrs. Fleming, die Complice, stärker hervor. Bisher ziemlich ruhig im Hintergrund, abgespeist mit ihrem Viertel am Geld, wird die ehrgeizige Frau ungeduldig. Sie will die Erfüllung des zweiten Vertragspunktes, will durch Maurice in die “Gesellschaft aufgenommen werden. Er kann und will das nicht. Im geheimen dachte sie sich das leicht erledigt durch die Heirat mit ihm. Dieser Plan ist gescheitert. So fordert sie nun die Aufnahme in sein Haus. Das schlägt er ihr rundweg ab. Die Freundin wird zur Feindin. Sie bedroht ihn immer dreister. Endlich verliert die Abenteurerin alle Besonnenheit: sie dringt ins Haus und enthüllt der jungen Frau das Geheimnis ihres Mannes.

Der dritte Teil zeigt erst den Zusammenbruch der Ehe. Doch die junge Frau, die mit Maurice nur eine kühle Vernunftehe geschlossen hat, wird nun von seiner tiefen Leidenschaft für sie überwältigt. So flammt auch in ihr die echte Liebe auf: sie verzeiht und folgt dem reuigen Sünder hinaus in die ferne Welt, um dem Büssenden treu zur Seite zu stehen.

Prüft man die Wirkung des Romans auf ihre Ursache, so liegt diese einzig in der Fabel. Ein Mischmasch von unglaubwürdigen Zufällen der wunderlich gebrauten Vorgeschichte schafft die Hauptgeschichte. Man steht hier fortwährend vor der spannenden Frage: wird der Betrug auch im weiteren gelingen? Denn immer neue Gefahren erstehen dem Betrüger von aussen her. Erst der Schluss bringt eine innere Lösung nach dem äusserlichen Zusammenbruch durch die seelische Wandlung der jungen Frau. Wesentlich sind also die Wordlings ein Abenteurerroman. Das erweist die Stoffverteilung: Vorgeschichte = 40, Hauptgeschichte I = 120, II = 80, III = 40 Seiten. Die fabulistische Partie umfasst 240, die psychologische 40 Seiten. Mithin fällt dieser nur ein Siebentel vom Ganzen zu.

Ob das die ursprüngliche Absicht des Autors war? Ich glaube nicht. Mir scheint, dass er zur krausen Fabulistik nur gegriffen, um die Basis für einen interessant - verwickelten, psychischen Prozess zu gewinnen. Er sucht nämlich das sonderliche Seelenleben seines Helden, des gutgearteten und halbschuldigen Betrügers in seiner Gewissensnot, nach Kräften herauszustellen. Aber das gelingt dem Autor nur teilweise. Denn Fabel und Psychologie gehen bloss Hand in Hand, sind aber nicht organisch verwachsen. Sie bedingen sich nicht wechselseitig. Souverän entwickelt sich die Fabel aus ihren fabulistischen Prämissen. Die psychischen Erscheinungen im Helden sind bloss die Reflexe der einzelnen Phasen der

Fabel. Die notwendige Folge ist, dass das fabulistische Element das psychologische überwuchert, weil ihm die Führung der Handlung zugefallen ist, dass es mit seiner brutaleren Wirkung die Aufmerksamkeit des Lesers fast völlig in Anspruch nimmt. So in der fabulistischen Hauptpartie (S. 1—240). Im knappen Schlussteil, wo das psychologische Element regiert, wo es sich um den seelischen Kampf der Ehegatten handelt, da verlässt den Autor die Kraft: er führt nicht mehr aus, er deutet nur an. Aber gerade im psychologischen Prozess vernichtet ein summarisches Verfahren jede Wirkung. Überschaut man das Ganze, so erhält man den Eindruck, dass dem Autor die Nebensache zur Hauptsache geworden. Er hat die Fabulistik herangerufen als Dienerin der Psychologie, und die derbe Magd hat die zarte Herrin vergewaltigt.

Ob der Autor im Verlauf der Arbeit dabei mit geholfen? Ich möchte es glauben und mit Liebedienerei für den banalen Dutzendleser begründen. Denn sollte die Verschiebung des Schwerpunktes vom psychologischen zum fabulistischen Elemente nur ein Kompositionsfehler gewesen sein ? Es müsste doch für den Autor klar gewesen sein, dass die einzelnen Phasen der äusseren Handlung für die Darstellung seines psychologischen Problems sehr ungleichen Wert besitzen, dass sie also auch sehr ungleich ausgeführt werden müssen: im umgekehrten Verhältnisse zu ihrem fabulistischen, im geraden zu ihrem psychologischen Gehalt. Thatsächlich arbeitet der Autor jene Partien detailliert, diese summarisch aus. Wo die Einsicht 80 leicht ist, wirkt der Verstoss wie üble Absicht.

A master of craft by W. W. Jacobs (vol. 3474).

Dieser Roman charakterisiert sich mit den Schlagworten: im Stoff modern, in der Form realistisch, im Geist humoristisch. Dazu echt englisches Milieu mit der Bodenständigkeit an der unteren Themse. Wäre das Werk dramatisch, so müsste man es Komödie nennen. Es erinnert an eine solche durch den symmetrischen Aufbau der Handlung. Träger derselben ist der Held, ein Amoroso, verliebt und verlobt schon zu Anfang nach mehreren Seiten hin. Folglich in bedrängter Lage – seine Frauenzimmer lassen nicht locker. Weil er natürlich nur eine heiraten kann, verschlingt sich die Handlung immer mehr, verschlimmert sich seine Lage immer ärger. Seine Schlauheit im Entschlüpfen hat immer kühnere Proben zu bestehen. Diese ansteigenden Erfolge bringen ihm aber schliesslich den verdienten Generalmisserfolg: er verliert seine Bräute alle an seine Rivalen. Der vielfach Liebelnde geht liebeleer aus.

In der knappen Komödienform könnte das Problem zwar lustig gelöst werden, erhielte aber durch die summarische Beschränkung auf die Hauptzüge den bitteren Beigeschmack der Konstruktion. Im breiten Roman jedoch ist Platz für die detaillierte Darstellung der Hauptsache und für eine Fülle eingeschalteter Episoden, was alles dem Ganzen die Lebenswahrheit antäuschen kann. Diesen Vorteil nimmt unser Autor in geschickter Weise wahr. Er umkleidet das nackte Gerüst der Handlungscenen mit köstlichem Genre. Er lässt die Kleinaktionen seiner Hauptfiguren stets

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