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stimmungen im einzelnen muss ich auf das Buch selbst verweisen, da kleine Auszüge nicht genügen, grosse zu viel Raum beanspruchen dürften.

Die Verfasserin beschränkt sich im wesentlichen auf den Parallelabdruck der verschiedenen Versionen, ohne eigentlich irgend welche Folgerungen aus dem Vergleich zu ziehen. Und doch lässt sich jetzt auf Grund ihrer Untersuchung mit Hilfe neuer quellentechnischer Kriterien, die ich demnächst an anderer Stelle im einzelnen vorführen werde, die Einheit und Echtheit der ganzen P. T. erweisen, auch die Echtheit der retractatio mit einer an Gewissheit streifenden Wahrscheinlichkeit behaupten. Das bedeutet den Fall der seiner Zeit mit grossem Scharfsinn aufgestellten Interpolationen hypothese, sowohl in ihrer ursprünglichen Form von Simon wie in der modifizierten von Eilers, das bedeutet ferner eine endgültige Abkehr von der selbst durch eine Autorität wie ten Brink gestützten Anschauung, dass ‘sich in der Erzählung des Pfarrers deutlich zwei Hände unterscheiden lassen, deren Arbeit schlecht zueinander passt'.

Weiter, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass durch das lateranische Konzil von 1215—16, das als ökumenisch gilt, die Ohrenbeichte obligatorisch gemacht war (worauf Miss Petersen schon mit Recht hinweist), dass Raymunds Traktat eine der ersten Anweisungen zur Beichte nach Erlass dieser Verordnung war und sich so das Ansehen eines bedeutenden Mannes mit der Wirkung eines Kirchendekrets verband, werden wir die Thatsache richtig würdigen können, dass Chaucer ein solches Werk seinem Pfarrer in den Mund legte und damit als gläubiger, wenn auch sonst in manchen Punkten frei denkender, Katholik seinem grossen Werke einen bedeutungsvollen Abschluss gab.

Es erweist sich also Miss Petersens Fund von folgenreicher Bedeutung. Die Verfasserin ist jetzt damit beschäftigt, auf dem Wege einer systematischen Erforschung der Handschriftenschätze des British Museum die Zwischenstufen bis auf Chaucer und dessen unmittelbare Vorlagen zu finden. Letzteres ist deshalb mit grossen Schwierigkeiten verknüpft, weil die Werke dieser Art (eine vorläufige Liste giebt die Verfasserin auf S. 80 Anm. 1) wohl ausnahmlos mehr oder weniger miteinander verwandt sind und deshalb oft auch in der wörtlichen Fassung mancher Stellen übereinstimmen. Miss Petersen geht hier anerkennenswerterweise sehr vorsichtig vor. Ich neige im Gegensatz zu Koeppel (der aber etwas schwankt) mit Hertzberg und Koch, welch letzterer besonders schwerwiegende Gründe dafür beigebracht hat, der Ansicht zu, dass wir wenigstens für den Sündentraktat ein lateinisches Original als direkte Vorlage anzunehmen haben. Für die Busspredigt dürfte eine Fassung in Betracht kommen, die sich – ganz allgemein ausgedrückt – als eine Kreuzung von Raymund und Jacopo Passavantis ‘Lo specchio della vera Penitenzia' mit einem Einschlag der durch Ms. Bodl. 923 vertretenen Gruppe darstellt. Denn es ist bemerkenswert, dass sich in Ms. Bodl. 923, was Liddell ganz übersehen hat, eine Parallele findet zum Prolog des Pfarrers J 55, eine Stelle, aus der Simon für seine Ansicht von Chaucers religiöser Uberzeugung Kapital geschlagen hat. Sie lautet:

But natheless, this meditacioun
I putte it ay under correccioun

Of clerkes, for I am nat textuel; etc. Auf fol. 10a von Ms. Bodl. 923 heisst es: Evermore I submytte me to correccion of clerkes aproued and oper holy liuers.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Chaucer in seiner Vorlage zur Busspredigt eine derartige Bemerkung fand und sie in gleicher oder ähnlicher Fassung an geeigneter Stelle verwandte. Jedenfalls verlieren – nebenbei bemerkt – diese Verse ihre Beweiskraft betreffs einer Ausdeutung im wicliffitischen Sinne. Denn das Citat aus Ms. Bodl. 923 lehrt, dass auch überzeugte Katholiken - und der Verfasser dieses Traktats war ein solcher – sich der Belehrung in dogmatischen Dingen zugänglich erklären konnten.

Weitere Anhaltspunkte über die Art von Chaucers direkten Vorlagen hat Miss Petersen zum Teil im Anschluss an frühere Forschungen auf S. 80 f. zusammengestellt. Mag es der Verfasserin, was sehr zu hoffen ist, gelingen, diese Quellen zu finden oder nicht, jedenfalls hat sie sich schon jetzt ein bleibendes Verdienst um die Chaucer-Forschung erworben, indem sie uns zu einer sicheren Auffassung der wichtigsten an Chaucers Erzählung des Pfarrers sich knüpfenden Fragen verholfen hat. Berlin.

Heinrich Spies.

Frederic William Maitland, English law and the Renaissance

(The Rede lecture for 1901) with some notes. Cambridge, Univ. press, 1901. 98 S. kl. 8.

Englands erster Rechtshistoriker schaut die Probleme seines Fachs von weltgeschichtlicher Warte: ein in Britannien seltenes Beherrschen dreier festländischer Litteraturen und eine dort beispiellose Kenntnis von deutscher und französischer Rechtsgeschichte ermöglichen diesem philosophischen Kopfe den Vergleich verwandter Erscheinungen in der Kultur mehrerer Nationen; und dessen Ergebnis erklärt dann die geistige Entwickelung nicht bloss in seiner Heimat. Auch diese kurze Vorlesung, voll anregender Gedanken in lebhafter, oft humoristischer Form, der hier dreimal so lange Belege aus weiter Gelehrsamkeit folgen, geht keineswegs bloss die Jurisprudenz, sondern allgemein Englands Geistesgeschichte im 16. Jahrhundert an. – Das Fortleben des franco-normannischen Rechts, das heute England von allen Nationen unterscheidet, ward damals ernsthaft vom Römischen Rechte bedroht, das in Deutschland fast völlig, in Frankreich und Schottland teilweise durchdrang. Wie England damals geheiligte und uralte Lehren in Religion und Wissenschaft abthat, so lauschte es auch dem Hohn der Humanisten gegen die Scholastik, verbannte Duns Scotus aus Oxford und strebte zum klassischen Altertum zurück. Kardinal Pole empfahl der Regierung, statt des nationalen Rechts das Römische einzuführen, in lateinischer oder englischer Sprache statt des verderbten Juristenfranzösisch. Heinrich VIII. liess an beiden Universitäten Römisches Recht lehren. Sein neues Gnadenweg-Gericht verfuhr summarisch nach Civilrecht. Diplomatie, höhere Verwaltung, die Gerichte der Kanzlei, Kirche und Admiralität beschäftigten Romanisten. Die Tudor-Absolutie, dem Kaisertum von Byzanz innerlich nahe, fand an diesen Juristen moderner Schulung fähigere Helfer gegen den Papst als an den konservativen Gelehrten des Common law, die länger papistisch blieben. Dennoch halst Janssen der Reformation mit Unrecht die Aufnahme des heidnischen Rechts auf: Romanist und Reformer ist nicht einfach identisch. Freilich, Thomas Smith, der Cambridger Professor Römischen Rechts (über dessen Werke hier mancher litterargeschichtliche Wink steht), war Protestant; aber sein Oxforder Kollege Story endete 1571 als katholischer Märtyrer. Ebenso focht für Englisches Recht erst John Wiclif, dann 1536 die erzkatholische Gnadenwallfahrt. – Dem Common law schadete die veraltete französische Sprache, die Schwerfälligkeit gegenüber Reformen, der Mangel systematischer Kodifikation, zu der der Deutsche Bucer Edward VI. riet, und das Aufhören der seit Edward I. bestehenden Prozessprotokolle in den Gerichts-Jahrbüchern (1535). Alte Einrichtungen höchsten Wertes waren durch Tyrannei so missbraucht, dass Polydor Vergil die Jury als Ungerechtigkeit der Normannen herabzog. Die Common law - Gerichte waren 1547 fast unbeschäftigt, überholt von der Civiljustiz. - Was hinderte dennoch in England den Sieg des Römerrechts ? Schwerlich der ‘Volksgeist (jener Lückenbüsser beim Mangel an Erklärung): hassten doch auch Deutschlands Bauern 1525 den Doctor iuris. Vielleicht teilweise der Stärkungstrank, den bereits zu Bractons Zeit das Common law aus Azos Romanismus genossen hatte. Hauptsächlich aber die England eigentümliche Rechtsschule an den Gerichtsinnungen; sie lehrte, vertiefte und festigte das nationale Recht, während die Universitäten, trotz Wiclifs Warnung, bis zu Blackstone (1758) nur Römisches und kanonisches Recht lehrten. Dank dieser Schule druckte das 16. Jahrhundert die Rechtsbücher des Mittelalters, fusste Coke auf Littleton, und focht das 17. Jahrhundert für die Freiheit mit geistigen Waffen der Lancastrischen Verfassung. Zuletzt mahnt Verfasser, da der Rechtszwiespalt zwischen England und den Kolonien die Reichseinheit bedrohe, die englische Rechtswissenschaft solle nach Deutschlands Muster endlich die Kodifikation vorbereiten. Berlin.

F. Liebermann.

mann.

C. Klöpper, Shakespeare-Realien. Alt-Englands Kulturleben im

Spiegel von Shakespeares Dichtungen. Dresden, G. Kühtmann, 1901. 182 S. M. 4.

Früher sagte man 'Altertüner', jetzt heisst es 'Realien'. Entbindet uns das neue Wort von der Pflicht, alte gute Bücher zu nutzen? In N. Drakes 'Shakespeare and his times' 1817 steht unvergleichlich mehr als in diesem ‘ersten Versuch, eine systematische Darstellung der gesamten Shakespeare - Realien zu bringen' (Vorwort, 2. Satz). Ein billiger Neudruck von Drake wäre für Privatstudium und Schule nützlicher gewesen. Was bei Klöpper fehlt, sind in erster Linie ganze und sehr wichtige Gebiete von Shakespeares Umgebung: politische und religiöse Parteien, Soldatenleben, Freigeisterei u. dgl. Über Theater- und Schulleben handeln je neun dürftige Seiten, dagegen zwanzig über die Wirtshäuser. Ferner ist die Anordnung bei Klöpper oft sehr seltsam. Wo Shakespeares Äusserungen über die verschiedenen Gesellschaftsklassen angeführt werden, bilden die Philosophen einen eigenen Stand, und zwar zwischen den Apothekern und den Pagen. Die Juden, nach Klöpper “die verächtlichsten Geschöpfe' für die öffentliche Meinung der Shakespeare-Zeit, haben ihren Platz zwischen den Pagen und den Gärtnern erhalten; den damaligen Verhältnissen entsprechender wäre es gewesen, sie unter eine Rubrik 'Volksaberglauben' oder 'exotische Fabelwesen' zu stellen. In dem Kapitel über Sitten, Gebräuche und Trachten erscheint auch der Patriotismus; die ‘Trachten' gehen unmittelbar vorher, das "Geldwesen' folgt; gesagt wird uns, dass Shakespeare ein eingefleischter Engländer und ein Verächter anderer Völker war - sonst nichts. Hat er, was Engländer betrifft, nicht gerade die höchsten, die Hofkreise scharf angefasst? War ihm der Kelte nicht lieb, der Italiener nicht romantisch, der Römer nicht gross, der Grieche nicht interessant? Musste zur Erklärung seines Tadels über deutsche Völlerei nicht auf den Londoner Stahlhof verwiesen werden? Hiemit komme ich zum dritten Punkte, den ich misse: Kritik. Welches Gewicht hat ein in einem Drama ausgesprochenes Urteil, wenn nicht Charakter und Stimmung des Sprechers in Anschlag gebracht werden? “Die Philosophen,' belehrt uns Köppel S. 16, 'werden bei Shakespeare spöttisch behandelt und als unpraktische Theoretiker bezeichnet, was durch drei Citate aus Lustspielen belegt wird. Wie anders betrachtet aber Shakespeare die Philosophie seines tragischen Helden Brutus, und wie respektvoll lässt er Hektor von Aristoteles (!) reden, dessen moral philosophy zu hören so grüne Bursche wie Paris und Troilus gar nicht wert wären. Besser kein Erklärungsbuch als ein so irreführendes, namentlich für die Schule, für die das Beste gerade gut genug ist. Berlin.

A. Brandl.

Theodor Zeiger, Beiträge zur Geschichte des Einflusses der

neueren deutschen Litteratur auf die englische. Leipziger Dissertation 1901. 71 S.

Für das Jahr 1900 hatte die Leipziger philosophische Fakultät als Preisaufgabe gestellt, den Einfluss der deutschen Litteratur auf die englische am Ende des 18. und im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zu untersuchen. Zeiger hat sich damit begnügt, nur einen Teil dieses Themas zu behandeln und eine lobende Erwähnung dafür erhalten, die seine sorgfältige Arbeit auch durchaus verdient.

Im einleitenden Abschnitt giebt der Verfasser einen Überblick über das allmähliche Eindringen der deutschen Litteratur in England und weiss

zu behachen. Zeiger hat sich im ersten Drittelen

selbst auf diesem häufiger behandelten Gebiete mancherlei Neues beizubringen. So hebt er mit Recht die starke Wirkung hervor, die von Wielands Oberon ausging; dieser wurde übrigens längere Zeit sogar Goethe vorgezogen, auch wurden Wielands Werke mit Eifer übersetzt und gelesen. Dann wird hier zum erstenmal ausführlicher auf die Wirksamkeit des Schotten R. P. Gillies (1788–1858) hingewiesen, der sich unter dem Einflusse von De Quincey zu einem Hauptvermittler der deutschen Litteratur entwickelte. Ihm verdankt man die Übersetzung von Müllners Schuld’ und Grillparzers 'Ahnfrau' (beide 1819), wie er auch in Blackwood's Magazine für das Bekanntwerden deutscher Dichtungen thätig war (seine 'Horae Germanicae' erschienen dort 1819 bis 1827). 1821 reiste er nach Deutschland, wo er mit Tieck, Müllner und Goethe in persönliche Beziehungen trat. Nach seiner Rückkehr gab er drei Bände 'German stories', Übersetzungen aus den Werken Hoffmanns, Fouqués, der Karoline Pichler u. a., heraus und begründete die ‘Foreign quarterly review', in welcher der Besprechung deutscher Werke ein breiter Raum gewidmet war. Neben Gillies wird noch Sarah Austin genannt, die zuerst von William Taylor angeregt und von Carlyle sehr hoch geschätzt wurde. Aus ihren 'Characteristics of Goethe' (from the German of Falk, Müller and others, 1833) konnten ihre Landsleute zum erstenmal eine richtige Vorstellung von dem Wesen des grössten Dichters ihrer Zeit gewinnen.

Im Hauptteil seiner Schrift untersucht Zeiger die Werke von vier Dichtern – es sind Campbell, Wordsworth, Southey und Shelley – auf ihre Abhängigkeit von deutschen Vorbildern. Ihnen allen ist gemeinsam, dass das deutsche Element nur zeitweise und gelegentlich für ihr Dichten und Denken Bedeutung erlangt, nicht etwa, wie bei Taylor und Coleridge, für ihre ganze Geistesrichtung bestimmend wird. Was Campbell angeht, so ist von einem Einflufs der deutschen Litteratur auf ihn nur sehr wenig zu bemerken. Ein paar Spuren davon verzeichnet Zeiger, andere werde ich später anzuführen haben. – Bei Wordsworth ist schon eine stärkere Einwirkung zu verspüren. Sein Jugenddrama 'The Borderers' ist in hohem Masse von Schillers ‘Räubern' abhängig; durch den "Wallenstein' wurde er zu einigen seiner schönsten Gedichte angeregt; in anderem erinnert manches an Bürger, dessen Werke auch ihm wohlbekannt waren. Southey führt nach deutschem Muster eine neue poetische Gattung, die Ekloge, ein, will nach deutschem Vorbild den Hexameter in England einbürgern und giebt einen Musenalmanach heraus, wie Schiller und Vors in Deutschland. Für sein Jugenddrama “Wat Tyler' ist Goethes Götz von bestimmendem Einfluss, während er für sein Epos 'Thalaba the Destroyer' einige Motive dem Oberon entnommen hat. – Shelley hat im Gegensatz zu den Genannten schon in seiner Jugend an deutscher Dichtung, zunächst an den Schauerromanen, Interesse genommen. Die Gestalt des ewigen Juden, die ihm in Schubarts Fragment entgegentrat, hat ihn immer wieder angezogen. Schillers und Bürgers Dichtungen machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Vor allem aber ist seine Übersetzung

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