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der grossen Vorzüge übergehen – kürzer, weil das Lob des Buches weniger Einschränkungen und Begründungen fordert als die Bedenken. Das Wichtigste ist die meisterhafte Disposition mit ihrer überzeugenden Klarheit und, sie begründend, die glänzende Charakteristik bestimmter Zeitströmungen wie der um 1700 (S. 83), der, in der das neue subjektive Element (S. 463) die ‘Schöpfer der Geisteswissenschaften im 19. Jabrhundert' (S. 467) beseelte, oder der heutigen trüberen Stimmung (S. 593). Dann jene erstaunliche Umsicht, die alles bringt und erörtert, wo es am besten geeignet scheint: die Frage der Universalität' (S. 468), wie die über die Stellung des Monarchen zur Wissenschaft (S. 589), die des Verhältnisses zum öffentlichen Leben (S. 581, 734), wie die Beurteilung der Festreden (S. 704). Dabei fallen auf weite Gebiete oft helle Streiflichter: wie beleuchtet die geistreiche Erklärung des alten Preisaufgabenwesens (S. 302) den ganzen Wechsel des wissenschaftlichen Betriebes von der Zeit der Aufklärung bis zur Gegenwart!

Hinter der Charakteristik der Kollektivpersönlichkeiten steht die der Individuen vielleicht etwas zurück. Selbst Persönlichkeiten von so aufreizend interessanter Eigenart wie Buch (S. 558), Ehrenberg (S. 625), Lachmann (S. 646) kommen nicht recht heraus, und eine etwas zu 'akademische Zeichnung scheint mir in Ranke (S. 672) die eigenartigsten Momente zu verwischen. Weshalb übrigens hier die Aufrichtigkeit ungenannter Gegner (S. 674; ist Treitschke gemeint?) anzweifeln? Verträgt sich ein gewisser moralischer Latitudinarismus gegenüber der Person, wie man ihn Ranke schuld giebt, nicht trefflich mit entschiedener Parteinahme gegenüber den grossen Mächten'? Hat doch Harnack selbst in der Art, wie er einerseits die Persönlichkeiten, andererseits die Richtungen behandelt, eine ähnliche Verschiedenheit der Objektivitäten gezeigt. Und steht nicht Mommsen, der auch bei ihm als die grösste Kraft in der neueren Akademie glänzend hervortritt (die Arbeit an dem Werk ist seitdem niemals unterbrochen worden, weil Mommsen sie leitete' S. 694), den Recensenten der Weltgeschichte' (S. 673) 80 nahe, dass auch unserem Autor die Einwürfe gegen Rankes 'Indifferentismus' begreiflich sein sollten ?

Übrigens ist es ja nur natürlich, dass in den Plenarsitzungen der einzelne ein wenig hinter der Tafel verschwindet. Von dem Mittel, die Mitglieder aneinander zu charakterisieren, hat Harnack nur selten Gebrauch gemacht (Bekker und Meineke S. 649; Gerhard und Panofka S. 652; auch die Br. Grimm S. 696 und Müllenhoff und Scherer, für dessen schönen Nekrolog wir unseren herzlichsten Dank noch eigens aussprechen, S. 742). Vielleicht widerstrebte es ihm überhaupt, wie es manchmal wenigstens scheint, die Persönlichkeiten zu betrachten: er lässt sie gern hinter dem Werk zurücktreten, wo nicht (wie bei Leibniz S. 134, 164 u. 7.) das Eingehen auf den Charakter ganz unvermeidlich ist (ähnlich bei Alexander v. Humboldt an verschiedenen Stellen, besonders S. 541). Doch treten immerhin einzelne Figuren wie der ehrwürdige Süssmilch oder Lambert (S. 228) plastisch hervor.

Die Hauptsache bleibt doch die Charakteristik und Biographie dieser

glorreichen Gesamtpersönlichkeit: der Berliner Akademie. Noch hat keine ihrer Genossinnen einen solchen Geschichtschreiber gefunden. Dies Werk genügt schon als wissenschaftliches Kunstwerk, um von den Leistungen der Akademie, deren neueste Blüte es ist, die denkbar höchste Vorstellung zu geben. Berlin.

Richard M. Meyer.

Friedrich Panzer, Hilde-Gudrun. Eine sagen- und litterargeschicht

liche Untersuchung. Halle a. S., Max Niemeyer, 1901. XV, 452 S. M. 12.

Die wissenschaftliche Litteratur über unsere Heldensage hat in dem vorliegenden Buche eine Bereicherung erfahren, die zu dem Besten gehört, was sie aufzuweisen hat. Die Absicht seines Verfassers ist es, das Kudrunepos durch eingehende Analyse seiner Form und seines Stoffes als das einheitliche Werk eines Dichters zu erweisen. Im Verlaufe seiner Untersuchung wird aber bei so vielen Fragen verweilt und überall so reiches Material herbeigeschafft, dass auch derjenige den Wert der Arbeit nicht wird bestreiten können, der das letzte Ziel, das sie sich steckt, nicht für erreicht hält. Allein die Zahl dieser Zweifler dürfte nicht allzu gross sein; und jedenfalls haben die Theorien Müllenhoffs und anderer Forscher, die das Gedicht in einen alten und echten Kern und unechte Zusätze jüngeren Ursprunges zerlegen wollten, hier einen Stoss erlitten, den sie kaum verwinden werden.

Das geschieht vor allem durch den ersten Teil seines Werkes, in dem Panzer es so gut wie ganz den Thatsachen überlässt, für sich zu sprechen. Es stellt sich dabei heraus, dass die Eigentümlichkeiten des Gedichtes in Sprache, metrischer Form und Stil ganz gleichmässig den – im Sinne Müllen hoffs – echten wie den unechten Strophen zukommen. Die Frage der Widersprüche findet eingehende und sachgemässe Erörterung, die es klarlegt, dass ihnen eine Beweiskraft für die Annahme von Interpolationen in unserem Falle nicht zukommt. Eine nicht minder tiefgreifende Untersuchung der Charakterschilderung des Gedichtes zeigt nicht nur die vollendete Meisterschaft der Dichtung auf diesem Gebiete im Gegensatze zu ihren Schwächen in Stil und Komposition, sondern auch die folgerichtige und gleichmässige Zeichnung der Charaktere in allen ihren Partien. Endlich wird das Verhältnis des Kudrunepos zu älteren Gedichten, zum Nibelungenlied, zur Klage, zu Wolfram und zum Rother besprochen, deren unverkennbare Einflüsse sich über 'echte' und 'unechte' Strophen erstrecken und zwar derart, dass – was besonders wichtig ist – 'unechte' aus derselben älteren Quelle geflossen sind wie ihre 'echte' Umgebung.

Dem Nachweis, dass auch in Bezug auf inhaltliche Abhängigkeit der Dichtung von ihren Quellen zwischen 'echten' und 'unechten' Textstellen Grenzen nicht bestehen, ist der zweite, weitaus umfänglichere Teil des Buches gewidmet. Diese letzte Absicht tritt aber naturgemäss oft in den Hintergrund, und da die gesamte Überlieferung des Stoffes und alle seine Elemente nach und nach gründlichste Behandlung erfahren, erweitert sich die Arbeit hier zu einer abgerundeten sagengeschichtlichen Untersuchung von ganz selbständigem Werte. Und wenn sich bereits im ersten Teile Schulung und Methode des Verfassers im besten Lichte zeigten, so ist ihm hier vor allem das Feld eingeräumt, auf dem er seine umfassende Belesenheit und seine lebendige Kombinationskraft bewähren kann. Hier bringt er am meisten Neues, hier stösst man auf die anziehendsten Abschnitte seines Werkes. Daneben freilich liegen hier auch seine Schwächen; und diese erklären sich nicht allein daraus, dass es sich dabei vielfach um Gegenstände handelt, bei denen über Vermutungen nun einmal nicht hinauszukommen ist und ein Einklang der Meinungen niemals eintreten wird.

Zunächst giebt uns Panzer, um näher auf den Inhalt seiner Untersuchungen einzugehen, eine Übersicht und Kritik der Quellen, wobei er auch mit Recht einiges aus den Zeugnissen für unsere Sage streicht, was bisher von vielen ihnen eingereiht wurde; so vor allem die oft besprochene Shetlandsballade von Hiluge und Hildina, deren nächste Verwandte er in den Hjelmerballaden nachweist. Auch den unbestreitbaren Belegen für unsere Sage gesteht Panzer, soweit sie aus dem Norden stammen, nicht jene Ursprünglichkeit zu, die man ihnen bisher zugeschrieben hat. Der täglich sich erneuernde Kampf der Hiađningar ist ihm nicht ein alter Zug der Sage, der im Süden vergessen wurde, sondern ein junger nordischer Sagenschössling. Dass auf deutscher Seite die romantische Einleitung des Kudrunliedes, die Jugendgeschichte Hagens, nicht als echte Sage gelten kann, sondern dazu gedichtet ist, war auch bisher schon die gangbarste Ansicht; sie wird jetzt nur noch fester begründet, indem die Vorlagen für alle einzelnen Motive, aus denen sich das bunte Mosaik dieser Erzählung zusammensetzt, überzeugend nachgewiesen werden.

Auf dem Boden alter Sagen überlieferung stehen wir dagegen bei der Geschichte von Hetel und Hilde. Von dieser nun glaubt Panzer nachweisen zu können, dass sie in ihren wesentlichsten Zügen aus einem Märchen entsprungen sei, das er nach dem Namen, den sein Held in einer tirolischen Fassung führt, das Goldenermärchen nennt. Bei Grimm entspricht ihm Nr. 136, Eisenhans betitelt.

Die überall wiederkehrenden Grundzüge dieser weitverbreiteten Erzählung sind nach Panzer die folgenden: Ein Knabe - es ist zumeist ein Königssohn - kommt in die Dienste eines dämonischen Wesens und erwirbt bei ihm goldene Haare. Er scheidet von ihm entweder in Güte und erhält dann die Zusicherung fortdauernden Beistandes oder im Bösen, ihm heimlich auf einem wunderbaren Rosse entfliehend, das dann im folgenden die Rolle des dämonischen Helfers übernimmt. Als Tier oder Mensch niedrigen Standes verkleidet tritt der Held, gewöhnlich als Gärtner, in die Dienste eines Königs, giebt sich vielleicht noch für einen Grindkopf, Narren, Stummen aus. Die Königstochter aber entdeckt die goldenen Haare unter der Verkleidung des Dienenden, verliebt sich in ihn und begehrt ihn, nachdem er zumeist noch in einem ritterlichen Spiel,

bei dem nur die Prinzessin ihn erkannt hat, einen Beweis seiner adeligen Herkunft geliefert hat, zum Mann. Der Vater muss einwilligen, verbannt das Paar aber vom Hofe. Gleich darauf entsteht ein Krieg; der verachtete Schwiegersohn will mitziehen und erhält zum allgemeinen Spott eine elende Mähre. Er aber vertauscht heimlich den Klepper gegen sein irgendwo verborgenes Wunderrols, bezw. erhält vom Eisenhans Ross und Rüstung und besiegt so dreimal den Feind. Zweimal vermochte er sich einer Erkennung zu entziehen, in der dritten Schlacht wird er verwundet, erkannt und nun auch vom alten König freudig als Schwiegersohn angenommen.

Erst durch Vergleich mit dem Märchen ergiebt sich klar, welch wichtige Rolle Wate – der Entsprechung des Eisenhans — in der Sage eigentlich zukommt. Auch Hetel-Heđins Name, der zu aisl. heđinn Pelzrock' gehört, erklärt sich aus der ärmlichen Verkleidung, in der Goldener auftritt, und stellt sich Namen wie Allerleirauh (eines weiblichen Gegenstückes zum Goldener), Bärenhäuter, Koflmađr, der grâwe Roc u. a. m. an die Seite, die in volkstümlichen oder litterarischen Fassungen der Goldenergeschichte vorkommen. Aber auch Hôrant oder vielmehr das ältere Herrant und Hiarrandi - Heorrenda – mit Detter - Heinzel nach mhd, herren als 'vagabundus' zu deuten – ist nach Panzer nur ein Hebloame desselben Helden und erst später als eine von ihm verschiedene Person gefasst, wie er denn ursprünglich selbst und nicht durch Boten um seine Braut wirbt. Dass seine Gesandten sich an Hagens Hof bald als Geächtete, bald – im Widerspruch hierzu - als Kaufleute ausgeben, erklärt Panzer aus einer Kreuzung alter Überlieferung, wonach der Werber thatsächlich geächtet war, mit der Kaufmannsformel, einem beliebten Spielmannsmotiv, das im Salomon und Rother dem Dichter vorlag. Auch das Wettspiel des Boten, ursprünglich des Freiers selbst, mit dem alten König hat in Varianten des Goldenertypus seine Entsprechung.

Damit sind auch nach meinem Urteil einige Sagenzüge erst ins rechte Licht gerückt, was um so verdienstlicher ist, als es sich dabei um sehr Verstecktes und Verdunkeltes handelt. Und auch das weniger Überzeugende an diesen Aufstellungen ist immerhin beachtenswert. Dass aber das Verhältnis unserer Sage zum Goldenermärchen, trotz der nachgewiesenen Übereinstimmung in wichtigen Zügen, das der direkten Abstammung aus ihm sei, ist mir doch fraglich, und es müsste wenigstens erwogen werden, ob nicht ein anderes möglich ist. Vieles dem Märchen Eigentümliche vermissen wir in der Sage ganz und gar, so nicht nur das Goldhaar und die Gärtnerstellung seines Helden – die freilich als den germanischen Kulturverhältnissen nicht entsprechend weggefallen sein kann –, sondern vor allem auch den ganzen Abschluss. Denn die Versuche Panzers, auch für diesen Entsprechungen in der Sage nachzuweisen, sind gezwungen. Das gilt z. B. von der Zusammenstellung des Versuches der Hilde, vor dem Kampfe Vater und Geliebten zu versöhnen, mit dem Bericht des Märchens, dass die Königstochter ihren Vater bittet, ihren Geliebten an der Schlacht für ihn teilnehmen zu lassen; denn jener erst

erwähnte Vermittelungsversuch ergiebt sich von selbst aus der Situation. Aber selbst die Motive, die der Goldenertypus mit der Hetelsage deutlich gemein hat, müssen in dieser nicht notwendigerweise aus ihm entnommen sein. Warum sollte es nicht ausser dem Märchen ebenso alte und ältere Erzählungen gegeben haben, in denen sie oder doch ein Teil von ihnen - vielleicht im Zusammenhang mit ganz anderen, im Märchen niemals vorhandenen Zügen – auftraten ? Auch dass die in Betracht kommenden Motive alle gleich alt in der Sage sind, ist streng genommen noch in Frage. Wenn einmal von einem Helden erzählt wurde, der geächtet und in piederer Kleidung sich eine hohe Braut gewann, könnte dies später das Motiv des dämonischen Helfers an sich gezogen haben, der in anderen Geschichten neben solchen ihre Abkunft unter unscheinbarer Hülle verbergenden Brautwerbern auftrat. Darüber, ob die südgermanische Fassung, die Wate kenut, oder die nordgermanische, die nichts von ihm weiss, das Ursprüngliche festhält, lässt sich also nicht so kurzerhand entscheiden, wie Panzer es thut.

Jedenfalls ist das seinerseits aus der Vorstellung des Vertriebenen, des Geächteten nahezu von selbst entspringende Motiv der unscheinbaren Felltracht und das des dämonischen Helfers – und zwar thatsächlich meist eins mit dem anderen verbunden – in der germanischen Volksüberlieferung ausserordentlich oft vertreten sowohl in den Werbungs- als auch in den von diesen nicht immer leicht zu sondernden Heimkehrsagen. Im besonderen verweise ich auf die Berichte Saxos über Gram, Hadingus, Haldanus Biargrammus. Wenn Gram, als er um Gro wirbt, Bockfelle und verschiedene andere Tierhäute anzieht, gemahnt dies an Allerleirauh. Auch der durch silberglänzendes Haar ausgezeichnete Alf, Sohn des Sigarus, tritt als Werber um Alvilda mit einem Fell bekleidet auf. Besonders aber erinnert Hadingus an Goldener. Er wird als landflüchtiger Königssohn von den Riesen Vagnhofthus und Haphlius aufgezogen und von ersterem in wunderbarer Weise im Kampfe unterstützt; ausserdem leistet ihm Odin gelegentlich persönliche Hilfe. Bei der Werbung um Regnilda, beziehungsweise der von ihr vorgenommenen Gattenwahl — auch im Märchen begegnet uns eine solche — tritt er vermummt auf, da sie ihn erst an einem früher von ihr in eine Wunde an seinem Bein gelegten Ring erkennt, wobei man sich erinnern wird, dass auch Goldener schliesslich durch eine Verwundung am Bein erkannt wird, eine Übereinstimmung, die schon F. v. der Leyen, Das Märchen in den Göttersagen der Edda 36, aufgefallen ist. Endlich bedeutet der Name Hadingus, d. i. aisl. Hadding, soviel als 'crinitus' und kann auf das lange Haar geben, das Goldener auszeichnet. Andererseits kann man als auf eine Beziehung zur Hildesage darauf hinweisen, dass es eine Regnilda ist, um die er wirbt, wie übrigens auch der oben erwähnte Alf um eine gleich Hilde streng gehütete Alrilda. Ohne Zweifel stehen wir hier dem Goldenertypus viel näher. Indes möchte ich, auch was die Hetelsage betrifft, die verwandtschaftlichen Beziehungen zu ihm keineswegs bestreiten; unerwiesen scheint mir nur, wie schon bemerkt wurde, die unmittelbare Herkunft aus dem

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