Pagina-afbeeldingen
PDF
ePub

Beurteilungen und kurze Anzeigen.

On the exercise of judgment in literature by W. Basil Wors

fold. London, J. M. Dent, 1900. (The Temple Primers.)

Herr Worsfold ist der gelehrten Welt nicht unbekannt; er ist der Verfasser eines Werkes über die Principien der Kritik (The principles of criticism, ed. G. Allen, London 1897), welchem freilich in Deutschland nicht besondere Beachtung zu teil geworden zu sein scheint. In diesem früheren Buche hatte sich Herr Worsfold mit der litterarischen Kritik von Plato und Aristoteles beschäftigt, war dann auf Addison, Lessing, Cousin und Matthew Arnold übergegangen und hatte schliesslich einige Exkurse über verschiedene interessante Fragen wie ‘Poesie als Interpretation des Lebens,' 'das Drama als zusammengesetzte Kunst,' 'der Roman als Litteraturform,' 'Autorität in Litteratur und Kunst gebracht.

Wie man sieht, verfährt der Autor eklektisch; er hat aus dem ganzen Gebiet der höheren, d. h. bei ihm der philosophischen oder wenigstens der philosophisch gefärbten litterarischen Kritik diejenigen ihrer Vertreter ausgesucht, welche in pachhaltigster Weise neue oder ältere Principien in erneuerter Form vertreten haben. Gegen die von dem Verfasser vorgenommene Auswahl liesse sich manches anführen. Man erwartet von jemand, der über die Principien der Kritik schreibt, doch etwas zu hören über Leute wie Hegel oder wie Boileau; man sollte meinen, dass, wenn schon von den kritischen Theorien der Renaissance nicht die Rede sein soll, doch etwas über die Schiller - Goethesche Ästhetik gesagt werden müsse; von alle dem und manchem anderen dieser Art ist jedoch nicht die Rede. Namentlich wird die so glänzend ausgebildete philologische Kritik mit keinem Worte berührt. Das Werk ist also mindestens unvollständig; es zeugt ferner auch von einer schiefen Auffassung der hierher gehörigen historischen Probleme, wenn V. Cousin, der selbst erst Eklektiker ist, als Vertreter philosophischer Kritik hingestellt wird; gleichwohl wollen wir nicht an dem Buche vorübergehen, denn es ist das Werk eines geistvollen und belesenen Mannes, der sich übrigens mit diesen Dingen mehr als Liebhaber abzugeben scheint; und hätte er sein Buch etwa "Haupt

formen der litterarischen Kritik' genannt, so wäre Einwänden obiger Art die Spitze abgebrochen worden.

Das neue Büchelchen, welches Herr Worsfold hat erscheinen lassen, ist keine blosse Wiederholung der ‘Principles,' wenngleich zwischen beiden Werken, mehr als die Titel es vermuten lassen, Verwandtschaft besteht. Das Urteil des Verfassers erscheint gereifter und bestimmter; er rollt nicht mehr die weitgehende Frage der ‘Principien’aller Kritik auf, sondern beschränkt sich weise auf die Ausübung des Urteils' in der litterarischen Kritik. Nur ist die Methode dieselbe wie in dem früheren Buche. Plato und Aristoteles werden als typische Vertreter der Kritik aufgeführt, wobei die Methode Platos ja auch ganz richtig als wesentlich materiell, diejenige des Aristoteles als formal charakterisiert wird. Es ist nicht meines Amtes, näher auf diesen Teil der vorliegenden Arbeit einzugehen. Zu schildern, wie sich die Ideen des Altertums in der Renaissance neu gestalten, und wie auch hier das Mittelalter die Neuzeit vorbereitet, wäre eine anziehende Aufgabe gewesen – aber diese hat der Verfasser in einem kurzen Abriss natürlich weder lösen wollen noch können. Über die französische Kritik des 17. und des 18. Jahrhunderts hat er nur einige allgemeine Bemerkungen und springt sofort zu Addison über, indem er zeigt, wie dieser Kritiker das Princip der Phantasie in die litterarische Kritik einführt und sie auf diese Weise vervollständigt. Richtig ist, dass Addison einen hervorragenden Anteil an jener denkwürdigen Bewegung nahm, welche diesem Princip Geltung verschaffte. Er war aber weder der einzige noch der erste in dieser Beziehung. Die Erörterung des Phantasiebegriffs in der Kunst reicht überhaupt viel weiter zurück, und Poetikenschreiber wie Gascoigne und Vida, Philosophen wie Charron und der von Addison citierte Bacon hatten längst auf die Bedeutung der Erfindung gegenüber der Nachahmung hingewiesen und damit das Princip der schöpferischen Macht der Phantasie in der Kritik vorbereitet. Wir wollen mit dem Verfasser nicht darüber rechten, dass er -- wozu auch in dem kleinen Buche wenig Raum war – diese Verhältnisse kaum angedeutet hat. Treffend hat er dagegen gezeigt, wie Lessing das künstlerische Vermögen objektiv und wie Cousin es subjektiv geschildert hat. Von hier aus lag nabe, zu zeigen, mit wie unzulänglichen Mitteln die Psychologie jener Jahrhunderte arbeitete, und was sich etwa in dieser Beziehung von einer fortgeschritteneren psychologischen Wissenschaft erwarten lasse. Unter den neueren englischen Kritikern ist besonders Matthew Arnold gewürdigt; nicht mit Unrecht, insofern Arnold ein bedeutender Mensch und tiefsinniger Kritiker war. Er hatte sich Maximen zurechtgelegt, mit denen ein Mann seines Schlages grossen Werken etwas abgewinnen konnte. Eine solche Maxime, an der er den Wert der Poesie zu messen unternahm, war z. B. der hohe Ernst absoluter Aufrichtigkeit. Als praktische Handhaben können solche Maximen treffliche Dienste leisten; theoretischen Wert wird man ihnen darüber hinaus schwerlich zubilligen können. Und ähnlich ist es auch mit dem Gesamtresultat des vorliegenden Buches. Als praktische Handbabe kann es dem Liebhaber der Litteratur wohl Dienste leisten, indem es auf wich

dem vor scheint, geistigen'icht, doc

tige Seiten der Poesie hinweist; allein als ein Werk, welches tiefer in den Gegenstand eindringe, lässt es sich nicht bezeichnen. Interessant an dem Buche ist ausser hübschen Bemerkungen im einzelnen die Fragestellung, wie ein litterarisches Urteil zu stande kommt. Dass ein solches Urteil möglich ist, leugnen wir nicht, doch müsste es auf eine tiefere historische Einsicht in den geistigen Zusammenhang, in welchem ein litterarisches Werk erscheint, gegründet sein. Darauf ist, unserer Ansicht nach, in dem vorliegenden Buche nicht genügender Nachdruck gelegt. Ein Kapitel über die Formen der Litteratur ist hinzugefügt; auch hier könnte man Ausstellungen erheben; so ist z. B. auf S. 83 zwischen volkstümlicher und gelehrter Epik kein Unterschied gemacht. Trotz allem wird man sagen dürfen, dass Büchern dieser Art manchmal beschieden ist, was wissenschaftlichen Leistungen versagt sein kann, Liebe zur Litteratur und Geschmack an derselben in weitere Kreise zu tragen. Aberystwith (England).

W. Borsdorf.

Adolf Harnack, Geschichte der Kgl. Preussischen Akademie der

Wissenschaften zu Berlin. Im Auftrage der Akademie bearbeitet. Ausgabe in einem Bande. G. Stilke, 1901. VIII,

790 S. M. 10.

Vor einigen Jahren suchte ich in einem Vortrag über ‘Betrieb und Organisation der wissenschaftlichen Arbeit' darzulegen, wie auch die Gesamtarbeit der Forscher und Gelehrten sich nach gewissen Gesetzen entwickelt und unter neuen Bedingungen neue Formen sucht und findet. Welche besondere Bedeutung bei diesem Prozess den Akademien zukommt, suchte ich ebendort (S. 38) gegenüber vielfachem Skepticismus darzuthun. Diese Anschauung findet die schönste und willkommenste Bestätigung durch das glänzende Werk, in dem der berühmte Berliner Kirchenbistoriker nunmehr die Entwickelungsgeschichte auch der jüngsten Weltkirche, der wissenschaftlichen, so lebhaft gefördert hat wie längst die der christlichen.

Zwar ist es kein spielender Vergleich, wenn wir bei dem Geschichtschreiber der Berliner Akademie an den Patristiker erinnern. Ganz ungestraft wandelt man nicht von den Palmen des christlichen Orients zu den akademischen Palmen herüber. Wenn das meisterhafte Werk einen so ganz ungetrübten Eindruck nicht hinterlässt, wie Harnacks upnachahmliche Festrede am Gedenktag der Akademie, so liegt das daran, dass eben jener Charakter der Kirchengeschichte zuweilen hervortritt. Sie ist notwendigerweise, mag sie noch so objektiv sein wollen, einigermassen apologetisch; und sie kann es kaum vermeiden, schon in der Art und dem Umfang ihrer Namensnennung dem Satz einigermassen zu huldigen: extra ecclesiam nulla salus. Das hat selbst Harnack nicht ganz überwunden. Die Proselyten des Chors, die auswärtigen Mitglieder, deren Wahl und Nichtwahl doch so bezeichnend ist, fast bleiben (trotz S. 449 u. ä. St.) ganz draussen, und der einzige Darwin wird (S. 763) in einer Weise erwähnt, die bei dem künftigen Geschichtschreiber des nächsten

(S. 339) zuziehen dürfte. Wern ganz naturen

Säkulums unserer Akademie wohl auch dem heutigen das Prädikat eines "Enthusiasten des Masses' (S. 339) zuziehen dürfte. Wer ganz draussen bleibt, existiert für dies Buch nur eben insoweit, als er nicht Mitglied wurde, und wäre er ein Lessing oder Winckelmann; nur Hegel glänzt trotz seiner Abwesenheit. Und doch, meine ich, gehört zu der Geschichte jeder Akademie auch die Geschichte des ‘einundvierzigsten Stuhls'. Die Akademie hat gegen die grossen Philosophen ihrer Zeit stets gekämpft; es hing das mit ihren besten Seiten zusammen: mit ihrer Neigung zu positiver wissenschaftlicher Arbeit. Sie hat gegen Leibniz intrigiert (damals gehörte ja die persönliche Intrigue noch zu der offiziellen Methode wissenschaftlicher Polemik!); sie hat, wie gerade Harnack vortrefflich zeigt, Kant stets angefochten; sie hat Hegels Aufnahme verhindert. Fichte und Schelling sassen in ihr; beide, als ihr Höhepunkt überschritten war. Zu Schopenhauers Zeit hatte sie – Trendelenburg. Und wie undenkbar wäre etwa eine Aufnahme Nietzsches gewesen, obwohl auf ihn fast wörtlich gemünzt scheint, was Harnack (S. 466) schön über Schleiermacher sagt. Gerade aber weil die Berliner Akademie seit Friedrich d. Gr. sich rühmen darf, wirklich 'la coupole' zu sein, das hochragende Gewölbe, das dem ganzen stolzen Gebäude unserer wissenschaftlichen Arbeit Licht und Zier giebt und zugleich den Bau zusammenhält – gerade deshalb sollte nicht ganz verschwiegen werden, welche Provinzen sich ihrer Herrschaft jeweils noch entzogen.

Selbst Persönlichkeiten müssen es fühlen, wenn den Geschichtschreiber keine Kollegialität ihnen gegenüber zu dem Wohlwollen ermahnt, das er manchem Genossen fast überreichlich zu teil werden lässt. Wer Savignys Beruf unserer Zeit' (S. 667) 'epochemachend' nennt, ein Büchlein, das doch eigentlich nur die Schwächen der historischen Schule entblösste, wer den braven Enthusiasten Rühs (S. 661) lediglich im 'schönen Profil' zeigt, während er doch mit seinem chauvinistischen Teutonismus und seinen geschichtsverderberischen Konstruktionen auch noch ein ganz anderes besass, der sollte den armen Varnhagen, auf den seit Treitschke alles losschlägt, auch nicht nur nach seinen Schwächen beurteilen. Hand aufs Herz – würde der Apostel Goethes auch dann ein "ausgehöhlter Litterat' (S. 657) heissen, wenn ihm etwa sein Freund Humboldt einen Sitz in der Akademie verschafft hätte?

Und auf der anderen Seite – braucht dies ruhm volle Institut so viel Apologetik? Nach der Vielseitigkeit seiner Interessen und Kenntnisse darf sich Harnack wohl zu jenen periodisch auftretenden Erben Leibnizens rechnen, die zum Heil der Akademie seiner Schöpfung nie auf die Dauer fehlten; ich nenne nur W. v. Humboldt, Schleiermacher, Mommsen. Bewundernd folgt seiner Kunst, die Leistungen aller Akademiker zu wür. digen, selbst der, der etwa bei der Aufzählung von Dirichlets Verdiensten sich leider gar nichts zu denken vermag. Leibnizisch ist auch sein Organisationstalent; hat er doch die 'Adjunkten' der Akademie, die in einem frühen Vorschlag (S. 519) auftauchen, als 'wissenschaftliche Beamte' endlich durchgesetzt - obgleich seinem eigenen Werk bedauerlicherweise der wichtigste 'wissenschaftliche Beamte' fehlt: das Register. Aber nicht ganz so glücklich wirken andere Ähnlichkeiten mit dem grossen Stifter. Zu oft weicht der Historiker dem Historiographen; eine Theodicee, eine unbedingte Rechtfertigung auch des vorhandenen Übels wird angestrebt. Mit wie merkwürdiger Weichheit wird die Härte Friedrich Wilhelms I. (S. 169 f., 185) verteidigt! Wir sind wohl überhaupt alle noch zu stark unter dem Bann von Carlyles 'stummem Dichter und Schmollers 'grösstem inneren König'; die Geschichtschreibung wird, um jenem wundersamen Charakter gerecht zu werden, doch wohl wieder ein paar Tropfen von Macaulays *Königlichem Feldwebel in die Mischung giessen müssen. Weshalb soll man hier jenes Element von rohem Unbildungsdünkel, von ungelehrtem Bettelstolz verdecken, das der preussische Offizier und Junker doch leider gar nicht selten zur Klarlegung jener königlichen Dekrete und Randbescheide dargebracht hat? – Und verträgt sich das unumschränkte Vertrauensvotum für die höhere Leitung (S. 467) mit den Bemerkungen, die Harnack selbst über die Massregeln unter Schuckmann (S. 484) und gar unter Eichhorn und Raumer (S. 681) vorbringen muss? Müsste angesichts solcher Möglichkeit ‘kurzsichtiger Bureaukraten' und ihres ‘Misstrauens gegen die Wissenschaft der naturrechtliche Satz nicht etwas vorsichtiger formuliert werden, den der Geschichtschreiber der Akademie (S. 435) einmal aus Rechtfertigung eines höchstens als That der Notwehr zu entschuldigenden Gewaltaktes ausspricht? “Verliehene Rechte darf im Staat nur der behaupten, der sie richtig gebraucht.' Bei der Dehnbarkeit des Adverbs — niemand kennt sie besser als ein Meister der Kirchengeschichte -- würden all die Bemühungen der Akademie um ihre Grundrechte als ein überflüssiges Spiel erscheinen, die Statutenentwürfe der Niebuhr und der Fichte als eine zwecklose Zeitvergeudung, wenn die verliehenen Rechte auf dies eine Adverb hin verwirkt sein könnten. – Dagegen ist die Rechtfertigung der Akademie in dem berühmten "Fall Raumer' (8. 704) durchaus gelungen und im wesentlichen kaum anzufechten.

Noch ein Punkt bleibt, in dem man wohl gegen die Apologie Einspruch erheben möchte. Harnack gebraucht (S. 789) das Wort "Wissenschaftspolitik'; wie denn auch sonst glückliche Ausdrücke nicht fehlen ('die reaktionären Fortschrittsleute' S. 389), noch auch geistreich-ironische Wendungen (gegen die Fanatiker der Wirtschaftsrechnungen S. 673; gegen die (sublimen Grundsätze' moderner Klassikerausgaben S. 682). Erkennt man jenem Wort, wie wir es thun, seine volle Berechtigung zu – darf man dann nicht (trotz S. 781) zweifeln, ob diese Politik der Akademie nicht doch lange Zeit zu sehr von jenem Geist des Kosmopolitismus beherrscht blieb, dem sie freilich auch ihre grosse Gesinnung mit verdankt? Waren wirklich Anregungen zur Förderung deutscher Sprach- und Altertumskunde nicht früher und nicht in weiterem Umfang möglich?

Wir haben mit der Offenheit, die ein Werk von solcher Bedeutung des Gegenstandes und der Behandlung fordert, unsere Bedenken nicht verschwiegen. Freudig können wir nun zu herzlichstem Lob oder, da dieser Ausdruck unbescheiden scheinen möchte, zu entschiedener Aufzählung

« VorigeDoorgaan »