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gegenwärtigen Stand der Forschung entwerfen, sind jederzeit willkommen, auch wenn sie eigentlich Neues nicht bringen. In erster Linie ein solches (travail d'ensemble', nicht recherches nouvelles' bieten zu wollen, erklärt der Verfasser der obigen Studie im Vorwort ausdrücklich; und in der That beschränkt er sich im wesentlichen darauf, die Resultate früherer Forschungen im Zusammenhange zu geben, indem er sich da, wo bei gewissen Problemen die Ansichten auseinandergehen, für die eine oder andere der vorgetragenen Meinungen entscheidet. Immerhin geht er, auf Grund eindringender Nachprüfung der älteren Forschungen, mehrfach auch über seine Vorgänger hinaus, und so besitzt seine Abhandlung durchaus selbständigen wissenschaftlichen Wert. Die ganze Arbeit verdient uneingeschränktes Lob; die Untersuchung ist überall mit musterhafter Gründlichkeit geführt, das Urteil stets wohlüberlegt und besonnen, die Darstellung lichtvoll und ebenmässig. In sechs Hauptabschnitte ist der Stoff gegliedert: Eine Introduction handelt von des Dichters Lebensschicksalen, dann werden der Reihe nach besprochen die Pastourellen, die Congés, das Spiel vom heil. Nikolaus und die Chanson des Saxons, das letzte Kapitel bringt 'Remarques sur la langue' - von einer vollständigen Behandlung der Sprache musste der Verfasser bei dem Mangel einer kritischen Ausgabe natürlich absehen. Unerörtert geblieben ist die Frage, ob der in sechs Fableaux als Verfasser genannte Jehan Bedel mit unserem Dichter identisch sei: die vorhandenen Indicien, meint Rohnström, reichten nicht aus, um eine Entscheidung zu ermöglichen.

Ich gebe nun eine kurze Übersicht des Inhalts der einzelnen Abschnitte, bei der ich mich auf die wesentlichsten Punkte beschränke.

Die für Bodels Leben zu gewinnenden Daten sind die folgenden: Der Dichter blühte im letzten Drittel des 12. und zu Anfang des 13. Jahrhunderts. Er war vermutlich zu Arras geboren und hat daselbst auch sein Leben verbracht, wie denn seine Congés den Schöffen der Stadt gewidmet und eine grosse Anzahl der darin genannten Persönlichkeiten als Bürger von Arras nachweisbar sind; ebendahin weist die Sprache. Bodel hatte irgend eine Stellung im Dienste der Schöffen inne und war von Beruf trouvère', Mitglied der 'confrérie des jongleurs et des bourgeois d'Arras'. Dass er bei den Zeitgenossen als Dichter sich eines nicht gewöhdlichen Ansehens erfreute, scheint hervorzugehen aus der grossen Zahl hochgestellter Personen, zu denen er in Beziehung stand. Er war im Begriffe, sich zur Teilnahme am vierten Kreuzzuge anzuschicken, als er von einer furchtbaren Krankheit, dem Aussatze, befallen wurde. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass er, der viele wohlwollende Gönner besafs, in eines der bestehenden Hospitäler für Aussätzige – vermutlich das von Miaulens – aufgenommen wurde und dort sein Leben beschlossen hat. Wenn Baude Fastoul, ein artesischer Dichter des 13. Jahrhunderts, der von der gleichen Krankheit befallen wurde, in seinem Congé bemerkt, die Schöffen hätten ihm zugesprochen : le fief Ki vient de par Jehan Bodel,' so handelt es sich offenbar eben um die von Bodel innegehabte Stelle. Das ist alles, was sich über des Dichters Lebensschicksale ermitteln lässt, einzige Quelle dafür sind seine Werke – wann er gestorben ist, wissen wir nicht.

Bodel hat sich als lyrischer Dichter, als Dramatiker und als Epiker bethätigt. Die Zahl der von ihm erhaltenen Pastourellen beläuft sich auf fünf. Die zuletzt von G. Paris, Journal des Savants 1891, S. 735 n. 3, gegen die Echtheit der Pastourelle: "Contre le dous tans novel geäusserten Bedenken sind nach Rohnström nicht stichhaltig. Hinsichtlich ihrer vielfach erörterten Datierung schliesst Rohnström sich Cloëtta an, der sie ins Jahr 1199 setzt. Beachtenswerte Gründe bringt er bei gegen Cloëttas Annahme, dass die Pastourellen Entre le bos et le plaine' und 'L'autre jour les un boscheľ, von denen die erstere zwei, die andere drei Strophen umfasst, als vollständig zu betrachten seien; doch giebt er zu, dass ihnen auch in der überlieferten Fassung ein gewisser Abschluss nicht fehlt. Für die Congés – nach Rohnström in vielen Beziehungen das interessanteste von Bodels Werken - acceptiert er mit Recht Cloëttas Datierung auf das Jabr 1202, im Gegensatz zu Raynaud, der sich für 1205 ausgesprochen hatte. Behufs Identifizierung der darin genannten Persönlichkeiten hat er die Mühe archivalischer Forschungen nicht gescheut, und es ist ihm denn gelungen, eine Anzahl derselben in den Jahren 1170—1240 nachzuweisen. Die Strophen 42—45 der Congés hatte Raynaud für unecht erklärt, indem er als ausschlaggebend betrachtete die Thatsache, dass der Str. 43 erwähnte Turm, wo das heilige Licht aufbewahrt werde,' erst 1214 errichtet wurde. Demgegenüber zeigt Rohnström, dass der betreffende Turm vielmehr im Jahre 1200 bereits vollendet oder doch nahezu vollendet war, und auch die übrigen Gründe Raynauds gegen die Echtheit der fraglichen Strophen nicht stichhaltig sind, vielmehr ihr Inhalt sehr gut auf Bodel passt. — Ich stimme Rohnström hier durchaus bei: auch der Stil ist ganz der Bodels; man bekommt beim Lesen keineswegs den Eindruck, dass mit Str. 42 ein andererer Dichter das Wort pehme.

Sehr ausführlich wird dann besprochen Bodels originelles Drama, das Jeu de saint Nicolas. Rohnström klärt zunächst auf über die Persönlichkeit des Heiligen und bespricht zwei Dramen – das eine rein lateinisch, das andere in lateinischen vierzeiligen Strophen mit französischen Refrains , die das gleiche Thema wie Bodels Stück behandeln: die Legende von der Wiederfindung eines der Obhut des Heiligen anvertrauten Schatzes mit Hilfe seines Bildnisses. Die Erzählung findet sich zuerst bei Johannes Diaconus, der, vermutlich vor 872, die griechische Biographie des Heiligen ins Lateinische übersetzte. Der Fassung, in der die Legende bei Bodel erscheint, stehen nahe die Vie de St. Nicholas des Wace und eine anonyme Prosavita des 13. Jahrhunderts, aus welch letzterer Bodel vermutlich geschöpft hat. Rohnström giebt eine genaue, nach Scenen eingeteilte Analyse und eine eingehende litterarische Würdigung des Bodelschen Stückes. Die ästhetische Bedeutung der Kreuzzugsscene überschätzt er doch wohl, wenn er sie das interessanteste Stück des Dramas' nennt und ihr zuschreibt 'un caractère singulièrement grandiose'; ich finde sie im Gegenteil herzlich trivial, aus Gemeinplätzen zusammengesetzt: nicht in der pathetischen Darstellung, sondern in der realistischen Detailmalerei liegt die Stärke Bodels. Der kulturhistorische Wert des eigenartigen Stückes wird gebührend hervorgehoben.

Der Hauptteil der Arbeit – 120 Seiten – ist gewidmet Bodels umfangreichem Epos, der Chanson des Saxons. Nur eine Vorarbeit für einen künftigen Herausgeber bildet die Untersuchung über die vier Handschriften, welche das Gedicht überliefern; eine abschliessende konnte sie deshalb nicht sein, weil zwei der Handschriften Rohnström gar nicht vollständig vorlagen : für die Cheltenhamer stand ihm nur der Michelsche Druck zur Verfügung, und für die Turiner war er angewiesen auf die Angaben Michels in seiner Ausgabe und die bezüglichen Bemerkungen Seippels. Das vorläufige Resultat, zu dem Rohnström gelangt, ist dieses: Bodel ist zuzuschreiben der erste, allen Handschriften gemeinsame Teil des Gedichtes; was den zweiten Teil betrifft, von da ab, wo die Handschriften auseinandergehen, so steht vermutlich die Arsenalhandschrift dem Original am nächsten, wofür schon der Umstand spricht, dass ihre Version die kürzeste ist, wogegen die Turiner und die Cheltenhamer Handschrift spätere Überarbeitungen bieten. – Auch hier orientiert über den Inhalt der Dichtung eine ausführliche Analyse, zuerst des gemeinsamen Teiles, dann der differierenden Fortsetzungen in A und L.

Drei Teile sind in dem Liede zu unterscheiden: die Erzählung von den Hurepois, der Krieg Karls gegen Widukind, der Liebeshandel Baudouins mit Sebile. Die Hurepois standen ursprünglich in keinem Zusammenhang mit dem zweiten Teil, vielleicht ist die Vereinigung erst von Bodel selbst vollzogen worden. Hurupe ist für den Dichter das Land zwischen Seine, Marne und Loire mit dem Centrum Mans, also das Neustrien des 9. Jahrhunderts. Sein Zeugnis beweist, dass das Volk noch im 12. Jahrhundert das Land zwischen Loire und Rhein einteilte in Hurupe, Frankreich und Lothringen; in lateinischen Chroniken oder in Urkunden des 12. oder 13. Jahrhunderts begegnet der Ausdruck aber nirgends, seine Herkunft und Bedeutung festzustellen, hat noch nicht gelingen wollen. Der eine ältere Fassung des Epos widerspiegelnden norwegischen Version ist die Episode noch fremd. Inhaltlich stimmen mit ihr überein zwei alte spanische Romanzen, in denen an Stelle Karls des Grossen König Alfons VIII. von Castilien getreten ist und die nach Rohnström wohl auf eine französische Quelle zurückgehen, wie sich denn in anderen Romanzen Züge der Geschichte Baudouins finden. Die Entstehung der Geschichte hinge nach Rohnström vielleicht zusammen mit dem politischen Übergewicht Anjous unter den letzten Karolingern und den ersten Capetingern.

Ein besonderes Kapitel, betitelt Chants épiques mérovingiens, ist gewidmet dem in letzter Zeit soviel ventilierten Problem des Faro - Liedes und dem damit in engem Zusammenhange stehenden Problem der Merovingerepik: Alles spricht dafür, dass sich in der Chanson des Saxons neben den Erinnerungen an die Sachsenkriege Karls des Grossen auch Elemente aus epischen Dichtungen der Merovingerzeit erhalten haben. Die Hypothese, dass merovingische Lieder über Kriege gegen die Sachsen existiert haben, besitzt grosse Wahrscheinlichkeit – ohne sie würden wichtige Züge in der Chansons des Saxons unerklärt bleiben müssen. Spuren solcher Lieder begegnen auch in den Chroniken und den Heiligenleben der Zeit. Der Bericht des Liber Historiae (Gesta Regum Francorum) ist im Hinblick auf die epische Färbung der Darstellung 'sehr wahrscheinlich epischen Ursprunges. Mit Körting gegen Suchier nimmt Rohnström an, dass der ganze auf Faro bezügliche Passus in dessen Vita der Vita Chilleni entnommen ist, deren Datierung freilich völlig ungewiss bleibt. Alles, was Hildegar von Chlotar erzählt, hat er aus zweiter Hand; die beiden lateipischen Strophen, die er citiert, hat er aus der gleichen Quelle wie die Erzählung selbst.

Der Krieg Chlotars II. gegen die Sachsen ist nicht geschichtlich, vielmehr liegt der Erzählung der Krieg Chlotars I. zu Grunde, der die allgemeine Grundidee abgegeben hat, während die eigentliche Handlung und das Detail auf dem Kriege Chlotars II. gegen Theodorich II. von Burgund beruhen. Für die Sage ist eine poetische Form anzusetzen, von der das Liber eine ältere, die Vita Faronis eine jüngere Stufe widerspiegelt. Dann muss also das betreffende Gedicht einige Zeit vor 727 bereits existiert haben; seine Sprache war vermutlich die romanische, wofür besonders die Verwendung von spata im Sinne von 'Schwert spricht. Spuren epischer Lieder aus der Merovingerzeit finden sich im Ogier le Danois, im Floovant, in Aspremont, deutlicher noch im Guitalin und in der Chanson des Saxons, hier sowohl in einzelnen Zügen als in den wesentlichen Elementen der Sage: 'Nous croyons,' so fasst Rohnström S. 145 die Ergebnisse dieses Abschnittes zusammen, 'que les guerres saxonnes, chères à l'imagination populaire dès les périodes les plus reculées de l'histoire de France, ont fait naître de bonne heure des chants sur les expéditions des rois francs contre leurs roisins d'outre-Rhin. Ces chants, ou du moins les traditions épiques qu'ils ont créées, auront encore été vivantes en France à l'époque s'y forma la légende de Guithechin. Les chansons sur les guerres de Charlemagne ayant éclipse celles sur les guerres de ses prédécesseurs, il n'est pas étonnant que ces dernières n'aient presque pas laissé de traces. Il en reste assez pourtant pour rendre leur existence très plausible. Ich unterschreibe diese Sätze Wort für Wort. Die Annahme, wonach sich in verschiedenen Chansons Spuren alter Lieder über die Sachsenkriege erhalten haben, bildet ein vollkommenes Analogon zu der von mir vertretenen Anschauung, wonach in sehr verschiedenen französischen Epen sich mehr oder weniger deutliche Erinnerungen an die Sarazenenkriege Kaiser Ludwigs II. finden, vgl. Festgabe f. W. Foerster S. 171 f.; und die Ansicht, dass die jüngeren Lieder auf Karls des Grossen Sachsenkriege jene älteren Lieder verdrängt und in sich aufgenommen haben, entspricht der meinigen, dass Lieder auf die Sarazenenkämpfe der Normannen im 11. Jahrhundert das gleiche gethan haben bezüglich jener älteren Lieder auf die Sarazenenkriege, deren Schauplatz Italien im 9. Jahrhundert war, vgl. Beitr. x. rom. Phil., Halle 1899, S. 195 ff.

Das Kapitel Gurtalin bringt eine Vergleichung jener altfranzösischen Chansons de geste, die uns in der Karlamagnussaga I, c. 46 und 47 und ebenda V (Af Guitalin Saxa) in Übersetzung vorliegen, miteinander und mit der Dichtung Bodels. Für I lehnt Rohoström die Theorien von Unger, G. Paris und Storm ab, vielmehr erblickt er in dem Kapitel eine Kompilation, eine Art Chronik, vielleicht in lateinischer Sprache, die vermutlich in einem Kloster entstand und die der Verfasser der Saga teils in ihrer ursprünglichen Fassung, teils in abgekürzter Form in sein Werk aufgenommen hat.

Von den beiden Gedichten war Guitalin das ältere: es steht der Geschichte etwas näher, erscheint noch unberührt von den höfischen Ideen und enthält eine Reihe barbarischer Züge, die in dem Gedichte Bodels fehlen.

Von geschichtlichen Elementen sind in der Ch. d. S. im ganzen nur die bekannten allgemeinen Züge vorhanden, dazu kommen die zum Teil historischen Namen der mit den Sachsen verbündeten heidnischen Völkerschaften: der Esclavons, Rox, Méconets u. 8. w. Eine speciellere Reminiscenz wollte bekanntlich Schultz-Gora in dem Flusse Rune finden, an dem Tremoigne = Dortmund liegt, indem er diesen mit der Ruhr identifizierte, und A. Thomas hat diese Vermutung dahin abgeändert, dass die Runa, ursprünglich, wie er zeigt, der Name des Flusses Arga bei Pampelona und als solcher erwähnt in einer Handschrift des Rolandsliedes und im Pseudo-Turpin, mit der Ruhr verwechselt worden sei. Rohnström bestreitet diese Schultz-Thomassche These, jedoch, wie mir scheint, ohne ausreichende Gründe; derartige seltsame Verwechselungen finden sich in der epischen Sage ja doch häufig, ich verweise z. B. auf die Verwechselung von Palermo und Salerno in der Synagonepisode.

Den Schluss bilden eine Zusammenstellung der Anspielungen auf die Chanson des Saxons, die sich in der französischen und in ausländischen Litteraturen finden, sowie Bemerkungen über die Sprache des Dichters, für die, was die Ch. d. S. angeht, die Hs. A zu Grunde gelegt ist.

Abgesehen von den wenigen Punkten, die zur Sprache gebracht wurden, kann ich dem Urteil des Verfassers, dessen klaren, durchdachten Ausführungen man mit wahrem Vergnügen folgt, überall nur zustimmen. Die Schrift sei allen Fachgenossen bestens empfohlen. Möge sich nun auch für Bodels Hauptwerk, das Sachsenepos, bald ein Herausgeber finden; denn dass die von G. Raynaud, Romania 9, 218 n. 1, angekündigte Ausgabe noch erscheinen werde, darf, nachdem inzwischen mehr denn 20 Jahre verflossen sind, wohl füglich bezweifelt werden. Rostock.

R. Zenker.

Études sur le style et la syntaxe de Cervantes. I. Les cons

tructions géroudives absolues. Par Leonard Wistén. Lund, Malmström, 1901. XXIII, 96 p. (Thèse de doctorat présentée à la Faculté des Lettres de Lund.)

Le but que M. Wistén s'est proposé dans cette thèse a été de classer exactement, au point de vue de leurs rapports syntactiques et d'après les

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