Pagina-afbeeldingen
PDF
ePub

Friedrich Hebbel. Sämtliche Werke. Historisch - kritische Aus

gabe besorgt von R. M. Werner. Berlin, B. Behr, 1901. B. I: LVII, 493 S. (Dramen I, 1841–47: Judith. Genoveva. Der Diamant.); B. II: XLIV, 477 S. (Dramen II, 1849 -- 51: Maria Magdalena. Ein Trauerspiel in Sicilien. Julia. Herodes und Mariamne.); B. III: LXI, 492 S. (Dramen III, 1851 - 58: Der Rubin. Michelangelo. Agnes Bernauer. Gyges und sein Ring. Ein Steinwurf. Verkleidungen.) Je M. 8 ungeb.

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass Werners Ausgabe von Hebbels Werken die massgebende ist und bleiben wird. Für diese Aufgabe ist niemand so wie er vorbereitet. Ein schon als Erbgut von dem um die Hebbel-Propaganda verdienten Vater von Karl Werner erworbenes lebhaftes Herzensinteresse für Hebbel vereinigt sich bei dem Herausgeber mit jener gründlichen litterarhistorischen Schulung, die manche neueren Apostel Hebbels sehr zu ihrem Schaden so gründlich verachten. Eine vielseitige Beschäftigung mit den Problemen der Ästhetik und Poetik lässt Werner den oft verschlungenen Pfaden der Hebbelschen Kunstlehre sicherer folgen als manche Mitbewerber. So erhalten wir denn eine Ausgabe, die die Werke in zweckmässiger Anordnung bringt: chronologisch innerhalb der Gattungen; mit sorgfältigem Apparat, der uns in des Dichters Arbeit einen neuen Einblick thun lässt: wie lehrreich sind nicht die Theaterbearbeitungen der Judith! mit knappen, aber anregenden Einleitungen; endlich in vortrefflicher Ausstattung, die z. B. durch die Einrichtung der Seitenüberschriften das Möglichste an Übersichtlichkeit leistet.

Wir haben zu dem Apparat bei Werners bekannter Gründlichkeit volles Zutrauen, und es scheint uns auch, als habe der Verf. in den Anmerkungen das rechte Mass in Hinweisen auf Tagebücher, Briefe und verwandtes Material gehalten. Nur mit den Einleitungen möchten wir uns doch noch ein wenig näher auscinandersetzen; sind sie doch naturgemäss die eigenste Zuthat Werners und deshalb mehr als die objektiveren Par. tien geeignet, auch Widerspruch hervorzulocken.

Vortrefflich ist es, wie Werner überall auf die Intentionen des Dichters eingeht. Aus den Tagebüchern, aus dem Fortspinnen der Gedanken und Motive von einem Drama ins andere, aus der gesamten Kunstanschauung Hebbels sucht er die Idee des einzelnen Werkes zu entwickeln; und ich bekenne gern, noch nie eine Analyse der 'Judith' gelesen zu haben, die wie diese das wirklich Grosse darlegt in dieser gigantischen Missgeburt (denn das bleibt sie für mich doch; aber so hat man auch die französische Revolution genannt!). Nicht ganz so eifrig geht er zeitgenössischen Tendenzen nach; gerade Werner, der Specialist für litterarische Anwendungen des Vaterunsers, hätte für die Stücke aus dem Gebet des Herrn (I, XLIV, Genoveva u. 7.) wohl auf Heines "Ratcliff' binweisen mögen und zur Maria Magdalena' (II, XIV) auf die grösste aller Kindes

mörderinnen: auf Gretchen im 'Faust', die ja selbst am Schluss der Tragödie neben der grossen Büsserin erscheint. Doch gebe ich zu, dass gerade bei Hebbel (ganz anders als z. B. bei Immermann) die litterarischen Quellen verhältnismässig unergiebig sind.

Hat nun aber Werner in dankenswertester Weise die Absichten des Dichters erhellt, so geht es ihm meist, wie es diesem so oft ging: er setzt die Vortrefflichkeit des Plans ohne weiteres als die des Dramas. Wohl wird regelmässig ein schüchterner Vergleich von Plan und Ausführung unternommen, am entschiedensten bei ‘Julia' und dem 'Diamanten’; aber allzu gern bleibt doch der Herausgeber in der Methode befangen, jede Sonderbarkeit des Dramas durch einen Hinweis auf die betreffende Absicht in eine Schönheit verwandeln zu wollen. Er bernerkt etwa (I, XL) zu 'Genoveva': 'Freilich beginnt dieser Monolog auch die starke Reflexion, die sich von nun an in dem Drama vordrängt, sie ist jedoch nötig, da Golos Leidenschaft immer mehr in die Erscheinung tritt', nämlich, wie der etwas unklare Satz (S. XLI f.) erläutert wird, weil das Werk bei dramatischer Vorführung dieser Leidenschaft allzu weit angeschwellt worden wäre. Werner nimmt hier zweimal den Dichter mit einem 'es war jedoch nötig' gegen seine eigene Kritik in Schutz; während man doch eben mit diesem anerkennen sollte, dass der Plan hier der Ausführung unüberwindliche Schwierigkeiten bot, oder dass die Ausführung den Plan verdarb. Werner verteidigt (II, S. XLII) sogar die Wiederholung im Herodes'. Wenn er übrigens (S. XLI) bemerkt, diese stamme bekanntlich aus der Quelle, so trifft das zwar für Josephus wirklich zu; dieser selbst aber hat die Dittologie erst hervorgebracht, so dass Fr. Skutsch (Zeitschrift für vergl. L. G., N. F. 10, 94) mit Recht sagen durfte, Hebbels Wiederholung habe so wenig historische als ästhetische Berechtigung. Was zweimal nacheinander geschehen kann, ist eben nicht tragisch. Mir fällt immer Heines Ausruf ein: 'Mlle Roxane, lassen Sie Persepolis noch einmal anstecken!' ...

Ausgezeichnet und vielfach ganz neu sind dagegen die Nachweise der persönlichen Vorbilder (Emma und Elise in der ‘Genoveva' I, XLVII; Christine in der Mariamne' II, XLVII u. ö.). Freilich hat auch das seine Nachteile: weil Mariamne in Marmor gemeisselt ein Bild der geliebten Frau des Dichters giebt, soll sie auch wie diese den Gatten lieben (vgl. S. XXXIX). Mir scheint doch, bei der Übersetzung in den Marmor sei die Liebe erstarrt.

Am wenigsten scheinen mir die Rettungen der Julia' (Bertrams sittliche Grösse! II, S. XXXV) und des "Trauerspiels in Sicilien' gelungen, obwohl Werner, um Otto Ludwigs Angriffe abzuwehren, diesen höchst ungerecht Hebbels unbewussten Nachahmer nennt (II, S. XXXII). Am höchsten steht uns seine Interpretation für die ‘Judith', den ‘Michelangelo' und die ‘Agnes Bernauerin'. Sonst schadet öfters der Apologet dem Interpreten. Muss denn sowohl 'Genoveva' (I, S. XLV) als auch "Maria Magdalena' (II, S. XV) neben den 'Ödipus' gestellt werden? muss Ibsen zweimal (I, S. XLIX zur 'Genoveva’ und III, S. LII, noch unglücklicher, zur Rhodope) herabgedrückt werden? muss ein witziges Pamphlet noch heut auf ‘niedrigen Neid und kleinliche Beschränktheit' (III, S. XXIII) zurückgeführt werden? Übrigens sind diese Mitteilungen aus alten Wiener Kritiken sehr interessant und sollten künftig noch reichhaltiger gegeben werden.

Von Kleinigkeiten habe ich anzumerken, dass Holtei immer (z. B. III, LXXIX) durch ein unverdientes v. geadelt wird, dass ‘Hekatoncheir' (gegen III, S. XXXV) mir mit ‘Gyges' V. 825 f. nichts zu thun zu haben scheint und dass ‘Café di Europa' (II, S. XXX) schwerlich richtig ist. Es liegt nicht viel daran; die Bemerkungen sollen auch nur zeigen, wie wenig wir in den objektiven Partien der ebenso dankenswerten als vortrefflich durchgeführten Arbeit zu beanstanden finden. Berlin.

Richard Meyer.

W. W. Skeat, A concise etymological dictionary of the English

language. New edition, re-written and re-arranged. Oxford, Clarendon Press, 1901. XV, 664 S. Geb. 5 s. 6 d.

Der 1882 erschienene Auszug aus Skeats grossem etymologischen Wörterbuche war rasch zu einem Lieblingsbuche unserer Studenten geworden und hatte seiner Vollständigkeit halber diese Stellung auch behauptet, als in Kluge-Lutz's Auswahl von Etymologien ihm ein wissenschaftlich weit überlegener Konkurrent erwachsen war. Die vier Auflagen, welche der kleine Skeat in knapp drei Lustren erlebte, wiesen nur geringfügige Änderungen der ersten Auflage gegenüber auf, so dass auch die neueste Ausgabe keineswegs mehr dem Stande der rasch fortschreitenden Wissenschaft entsprach. Der Verfasser entschloss sich daher erfreulicherweise zu einer völligen Umarbeitung des Ganzen, wobei er die bei Kluge, Franck, Brugmann sowie im New English Dictionary (A -H) jetzt so bequem zugänglichen Resultate moderner Forschung sich zu eigen machen und die fördernde Beihilfe Mayhews und Chadwicks geniessen konnte. In der That ist so ein fast völlig neues Buch zu stande gekommen, das sich in jeder Beziehung vorteilhaft vor der älteren Form auszeichnet, und das ein neues Ruhmesblatt in des unermüdlichen Forschers Verdiensten um die Anglistik bildet.

Schon äusserlich empfiehlt sich eine Neuerung: die unpraktische und oft recht problematische Gruppierung aller verwandten Wörter unter einem Stichworte ist aufgegeben und statt dessen eine streng alphabetische Anordnung eingeführt, die die Benutzung des Werkes wesentlich erleichtert. Aber auch inhaltlich merkt man die bessernde Hand fast in jedem Artikel. Vor allem macht sich durchgängig eine schärfere Handhabung der Lautgesetze geltend, besonders in dem Teile, wo das treffliche Material des Oxforder Wörterbuches verwertet werden konnte. Nach derselben Richtung hin zielt die Neuerung, dass in grossem Umfange die dem Neuenglischen zu Grunde liegenden altenglischen und anglofranzösischen Dialektformen neben den westsächsischen und centralfranzösischen angeführt werden. Eine durchgängige Anwendung dieses Verfahrens, z. B. auch bei bury, merry, seed, silly, season, plead u. a. m., wäre für die nächste Auflage recht zu wünschen. Aus didaktischen Gründen empfähle sich auch wohl, noch den weiteren Schritt zu thun und überall, wo bei einer Etymologie lautliche Schwierigkeiten vorliegen, auf diese in aller Kürze aufmerksam zu machen. Ich nenne z. B. folgende Artikel, wo dies wohl am Platze gewesen wäre: scold, scotch, scour, scrabble, scramble, scratch, screech, screw, scrip, scupper, seel, serried, set 2, sheal, shingle, shovel, sick. Ja, ich würde offenes Eingestehen unserer Unkenntnis und Beschränkung auf die me. Form einem kühnen Vielleicht wie bei scold ('Perhaps Frisian') vorziehen. Eine nochmalige Revision würde auch noch einige Ausdrücke auszumerzen haben, die aus den früheren Auflagen stehen geblieben sind: ich meine Wendungen wie an arbitrary varianť (unter set 2, settee, sept) oder 'a modification of' (since), a corruption of' (shingle), 'adapted from (ceris), die mir für die mechanischen oder psychologischen Veränderungen im Sprachleben wenig glücklich gewählt scheinen.

Zwei wichtige Neuerungen betreffen die äussere Form der Wörter: das Lateinische ist überall mit Quantitätsbezeichnungen versehen und im Altenglischen nach Sweets Vorgang eine Scheidung der beiden e-Werte vorgenommen. Nach beiden Richtungen hin hätte der Verfasser noch weiter gehen können. Namentlich eine weitere Anwendung diakritischer Zeichen wäre für den Lernenden von grundlegender Bedeutung gewesen. Mindestens sollte velares und palatales c im Ae. irgendwie kenntlich gemacht werden; denn wie soll der Anfänger sonst die Bemerkung verstehen, dass ne. sink von dem intransitiven sincan, nicht von sencan, welches ch ergeben müsse, komme, wenn beide dasselbe c aufweisen? Und wenn einmal dieser Weg betreten wird, so entschliesst sich der Verfasser vielleicht auch dazu, das Mittelenglische mit Quantitäts- und Qualitätszeichen zu versehen, welches bis jetzt solcher Hilfen gänzlich entbehrt. Längezeichen sähe ich gern eingeführt auch bei ai. ē und õ, bei an. â und de sowie durchweg im Irischen, wo ja auch die moderne Orthographie den Akut als Längezeichen verwendet. In letzterem Falle empfähle sich die Beibehaltung des heutigen Brauches um so mehr, als der Akut im Nir. zugleich als Lesehilfe fungiert und z. B. ein úi = [ū] von ui = [[] oder ói = [o] von oi = [ě] unterscheidet. Vollends die modernen irischen Lehnwörter des Neuenglischen werden erst verständlich, wenn man die irischen Quantitäten kennt, also z. B. weils, dass das irische Deminutivsuffix in = ne. -een (in colleen, marourneen, spalpeen, shebeen) langen Vokal (ī) hat.

In der Transkription ist mir aufgefallen, dass Skeat im Gotischen an dem Doppelzeichen th festhält, während er im Altenglischen und Altnordischen þ verwendet.

In welchem Umfange in einem etymologischen Wörterbuche die verwandten Sprachen heranzuziehen sind, kann strittig scheinen. Ein weises Masshalten wird im allgemeinen auch hier von Vorteil sein. Mindestens wird man aber diejenigen Wörter verlangen dürfen, welche die Urgestalt des Wortes erschliessen helfen oder Marksteine in seiner Entwicklung darstellen. Innerhalb der engeren Sprachfamilie pflegt man den Kreis noch weiter zu ziehen und womöglich Belege aus sämtlichen Hauptdialekten anzuführen, um einen Überblick über die Verbreitung des Wortes oder der Wortsippe zu gewähren. Wenn Skeat diesen Standpunkt billigt, wird er in der nächsten Auflage manches nachzutragen und vielleicht auch zu streichen finden. Nachzutragen wären vor allem altsächsische und altfriesische Formen. Das As. ist häufig herangezogen, fehlt aber manchmal gerade da, wo es lehrreiche ältere Mittelstufen repräsentiert, wie bei janVerben wie as. sendian, sellian, sittian, oder wo es gar einzig der Grundform am nächsten steht wie z. B. bei as. sundia (zu ne. sin). Die starke Vernachlässigung des Altfriesischen teilt Skeat freilich mit den meisten etymologischen Wörterbüchern. Aber gerade ein etymologisches Wörterbuch des Englischen hätte doch den grössten Anlass, diese nächste Verwandte des Englischen eingehend zu berücksichtigen, schon um sich solch interessante Analogien wie afrs. ekker, fet, möna, slēpan, brochte, ledra ‘legen', skāwia u. s. w. nicht entgehen zu lassen. Nach Siebs' ausführlicher und sogar lexikalisch erschlossener Darstellung des Friesischen in der zweiten Auflage von Pauls Grundriss verlangt diese Sprache immer dringender ihr Recht.

Wer mir zugiebt, dass das Anführen verwandter Sprachen hauptsächlich den Zweck hat, die Geschichte des Wortes aufzuhellen, wird weiter mit mir darin übereinstimmen, dass diese Parallelen uns möglichst in einer Form zu bieten sind, die diesen Zweck fördern; d. h. wir werden überall möglichst die älteste, der Urform am nächsten stehende Gestalt erwarten dürfen, nicht aber das vielleicht mannigfachen Umgestaltungen ausgesetzt gewesene jüngste Entwicklungsglied. Nach diesem Grundsatze wäre auch die Umarbeitung noch mehrfach verbesserungsfähig, da Skeat es gerade liebt, die modernen deutschen, dänischen, schwedischen, russischen, irischen, kymrischen Formen zu citieren, die uns oft nur unvollkommen sagen, was wir von ihnen zu wissen wünschen. Am meisten wird sich dies bei den nhd. Belegen fühlbar machen, weil diese in vielen Fällen, wie z. B. bei nhd. sau, saum, soll, sehne, schieben, der Aufhellung durch ältere Formen dringend bedürfen. Beim Dänischen und Schwedischen wird dies zwar zumeist wieder gut gemacht dadurch, dass daneben auch die altnordischen (aisl.) Formen' geboten werden. Leider ist die Bedeutung der letzteren dadurch in den Schatten gestellt, dass Skeat sie einfach als 'Icelandic' citiert, also den Anfänger berechtigt, auch dies nach Analogie von Dan.', Sued.' u. a. m. = Neu isländisch zu nehmen. Wie gefährlich das Operieren mit den modernen Formen ohne die Kontrolle durch ältere Stadien ist, lehrt zudem unser Werk selbst; denn das Danebenstellen der an. Formen hat nicht verhindern können, dass mehrmals dänische und schwedische Wörter angeführt sind, die erst späte Entleh

Sollte es sich nicht empfehlen, statt des jüngeren ö überall g für den u Cinlaut von a im Aisl. zu gebrauchen?

« VorigeDoorgaan »