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Beurteilungen und kurze Anzeigen.

K. Gusinde, Neidhart mit dem Veilchen. (Germanistische Ab

handlungen, begründet von K. Weinhold, herausgegeben von
F. Vogt, Heft XVII.) Breslau, M. u. H. Markus, 1899.
VI, 242 S. 8. M. 9.

Ein paar erzählenden Gedichten und fünf Dramen unserer Litteratur liegt der derbe Schwank von Neidhart mit dem Veilchen zu Grunde, dessen wissenschaftliche Behandlung bei Gusinde einen fürs erste etwas überraschend stattlichen Band füllt; indessen diese eingehende Bearbeitung des Stoffes hat doch den grossen Vorteil, dass einmal die volkstümlichen Grundlagen der Fabel sowie die litterargeschichtlichen Fragen, die sich an die einzelnen Denkmäler knüpfen, gründlichst im Zusammenhange untersucht werden.

Gusinde geht von dem Neidhartgedichte in Hagens Minnesingern (III, 202, XVI) und dem verworrenen Berichte in ‘Neidhart Fuchs' (V. 192 bis 344; herausgegeben in Bobertags Narrenbuch) aus, um sodann den höfischen Brauch des Veilchentanzes aus einer volkstümlichen Frühlingsfeier zu erklären. Den Hauptraum des Buches nimmt die Behandlung der Dramen in Anspruch: des St. Pauler Spiels (St PSp.), des grossen Neidhartspiels (GrNSp.), des Sterzinger Szenars (StSz.) und des kleinen Neidhartspiels (KINSp.). Das StP Sp., das älteste weltliche Drama, das wir überhaupt kennen, wird in seiner Bedeutung für die ganze Entwickelung seiner Gattung gewürdigt und als ein Spielmannsstück aufgefasst, in dem der Tanz noch die eigentliche Hauptsache ist. Im Anschluss hieran folgt dann wieder ein längerer volkskundlicher Abschnitt, der das Verhältnis verschiedenartiger Frühlingsfeiern zu den Fastnachtsspielen zum Gegenstande hat und den Einfluss der ersteren auf diese darzuthun sucht. Bei den übrigen Dramen, die noch nicht so eingehend behandelt waren wie das erstgenannte Denkmal von Schönbach, werden aufs genaueste jedesmal die Handschrift, die Mundart des Schreibers und des Verfassers, der Versbau, der Inhalt – z. T. mit vergleichenden Ausblicken in andere Litteraturen , der Stil, die Übereinstimmungen mit den stofflich ver

wandten Dichtungen, Komposition, Verfasserfrage und Aufführung untersucht, alles Dinge, die hier im einzelnen nicht näher zu verfolgen sind, zumal man ihnen in allem wesentlichen wohl allgemein beistimmen wird. Nur das Ergebnis über das Verhältnis der fünf Dramen zueinander sei mitgeteilt. Alle behandelten Denkmäler stehen in einem gewissen Zusammenhange. Zunächst bilden das GrNsp. einerseits und das StSz. und KINSp. andererseits eine Gruppe für sich. Alle drei haben eine gemeinsame, uns nicht erhaltene Quelle X, ein Maispiel. Aus ihm schöpfte erstens mit einigen Kürzungen das StSz., zweitens mit vielen gewaltsamen Streichungen, unter Einführung mancher Roheiten und mit absichtlichem Hervordrängen des Schwankhaften, das KINSp. Auf der anderen Seite zeigt sich das GrNsp., ebenfalls von X abhängig, aber nicht allein von ihm; es hat noch andere Quellen benutzt, nämlich das StPSp., das Minnesangsgedicht und verschiedene andere Neidhartschwänke. – Eine besondere Betrachtung erfahren dann die Bearbeitungen, die Hans Sachs dem Stoffe zu teil werden liess, besonders sein Drama darüber. In einem Schlussabschnitte werden die Zeugnisse für das Vorkommen des Motivs von Neidhart mit dem Veilchen in Litteratur und bildender Kunst aufgezählt. Es folgt dann eine kurze Besprechung der erneuenden Bearbeitung Anastasius Grüns im ‘Pfaffen vom Kahlenberg und als Anhang der Abdruck des ältesten Gedichts über Neidhart mit dem Veilchen (HMS. III, 202, XVI) nach der Berliner Handschrift e mit Angabe der Varianten in den übrigen Überlieferungen und der des bisher noch nicht veröffentlichten Meistgesanges von Hans Sachs (MG. 15, Bl. 233').

Im einzelnen kann ich bei der sorgfältigen, wohlüberlegten und mit weitgehendster Benutzung der einschlägigen Litteratur gegebenen Darstellung nur wenige anspruchslose Bemerkungen hinzufügen: S. 23. Im St. Pauler Spiel lese ich V. 3 lieber vierhebig: íetxò an díser várt st. dreihebig ietzó an diser vart (?). – S. 24. Ebd. V. 10; um die übergrosse Länge des Verses zu beseitigen, ist gewiss nicht das wichtige jarlang, wohl aber vielleicht das entbehrliche Demonstrativum der am Anfang zu tilgen.

– S. 35. Über die Figur des wilden Mannes (igl um selvadi) in bündnerischen Volksbräuchen berichtet auch das Schweiz. Arch. f. Volkskd. II, 145. – S. 36. Ebenda wird auch der Brauch ‘die Alte zu zersägen' (resgiar la veglia) für dieselbe Gegend nachgewiesen. – S. 37. Die Ausgestaltung von Frühlingsfeiern zu Waffen übungen und ihre Verwendung zu Musterungen war besonders in Skandinavien üblich; Grimm, Myth. 4 646. – S. 111, 112. Bei der Sage von den durch Salomo in ein Glas gebannten Dämonen war auch auf die bekannte Erzählung in Tausend und eine Nacht zu verweisen, die auch Wieland für sein Wintermärchen' als Quelle diente. - S. 113. Statt des Citates aus Enenkel in Massmanns Kaiserchronik III, 440 war lieber Massmanns ausführliche Abhandlung über Vergeil als Zauberer, ebd. S. 433—460, zu erwähnen; das Hauptwerk über den Gegenstand ist übrigens Comparetti, Vergil im Mittelalter, deutsch von H. Dütschke, Leipzig, 1875. – S. 231, 232. Unter den Zeugnissen hätte wohl auch die bedauernde Bemerkung des Nicolaus Rus aus Rostock

Archiv f. 2. Sprachen. CVIII

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einen Platz verdient: in de stede des lidendes christi malen se den strid ron troye unde in de stede der aposteln malen se nyterdes dantz. (Sandvoss im Niederd. Korrespondenzbl. 1892 [XVI), S. 73; vgl. Nagl - Zeidler, Deutsch-österreich. Litt.-Gesch. S. 375, A. 2.) Denn wenn auch nicht mit völliger Sicherheit, so ist doch wenigstens mit grösster Wahrscheinlichkeit bei diesen Worten an die Veilchengeschichte zu denken.

Im Anschluss an diese Anzeige mögen auch noch folgende Nachträge und Citate mitgeteilt werden, die der Herr Verfasser des Buches selbst gesammelt und mir freundlichst zur Verfügung gestellt hat: S. 13, A. 2. Zur Geschichte der Blumenspiele vgl. Ambros, Musikgeschichte II (1864) S. 266. – S. 48. Zum griechischen Drama vgl. Wilamowitz, Herakles I, 86. – S. 111 f. Zum Homunculusmotiv vgl. Kiesewetter, Die Homunculi des Grafen von Knefstein in 'Sphinx' IX. – S. 132. Zum Lobetanz s. DWB 6, 1084 und Ztschr. d. Allg. deutschen Sprachvereins, 1900, Sp. 180 u. 267 f. – S. 182. Eine Bitte um Nachsicht haben auch die Schlussworte im ältesten Oberammergauer Passionsspiel; Hartmann S. 220. – S. 215. Zur Bedeutung von Hand und Fuss vgl. Weinhold, Die heidnische Totenbestattung in Deutschland, Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften Bd. 29 (1858) S. 164 Apm. 1 und ebd. Bd. 30 S. 206. Breslau.

H. Jantzen.

Owenus und die deutschen Epigrammatiker des XVII. Jahrhun

derts von Erich Urban (Litterarhistorische Forschungen herausgegeben von Josef Schick und M. v. Waldberg, XI. Heft). Berlin, Emil Felber, 1900. III, 58 S. M. 1,60.

Häufig pflegen Verfasser von Erstlingsschriften in begreiflicher wissenschaftlicher Begeisterung den Gegenstand ihrer Arbeit und die dabei in Frage kommenden Persönlichkeiten zu überschätzen. Seltener ist der andere Fall, den man an Urban wahrzunehmen geneigt sein möchte: das pflichtmässige Abarbeiten des Stoffes ohne innere Wärme und ohne persönlichen Kontakt mit dem Material. Mir ist jedenfalls das erste Jugendgebrechen lieber, weil es eine Entwicklung verspricht. Allerdings ist das Gebiet von Urbans Arbeit eines der unerfreulichsten deutscher Litteraturgeschichte. Aber es musste einmal erledigt werden, und man wird sich fragen, ob das nicht doch auf weniger komptoiristische Weise hätte geschehen können als in dieser Schrift.

An sorgsamem Sammelfleiss fehlt es nicht. Aber dabei ist es grösstenteils geblieben. Urbans allgemein litterarhistorische Äusserungen über die Litteratur des 17. Jahrhunderts bedürfen gar sehr der Modifikation und Vervollständigung. Wenn Urban auf S. 4 von den kleinen Formen des Madrigals, Sonetts und Epigramms, den Gelegenheitsgedichten und der galanten Lyrik spricht, die beredter als alles übrige Zeugnis ablegt für die wahre Natur der Menschen des 17. Jahrhunderts', und dann fortfährt: Nun erst begreifen wir die Begeisterung, mit der die Epigramme

des englischen — lateinisch schreibenden – Poeten John - Owen begrüsst wurden'; so wäre statt dieser sehr allgemein gehaltenen Wendungen ein Blick auf die litterarischen und kulturellen Beziehungen zwischen England und Deutschland im 16. und 17. Jahrhundert, wofür es dankenswerte Vorarbeiten giebt, angebrachter gewesen. Urteile und ihre Fassung empfängt Urban aus zweiter Hand, überhaupt macht der Text, der die das eigentliche Thema betreffenden Stücke der Schrift untereinander verbindet, den Eindruck eines lose gezimmerten Notbehelfs. Das Wesentliche sind natürlich die von Urban aufgereihten zahlreichen Nachbildungen des Owenus, die die Zusammenstellungen von Jördens (Oweni Epigrammata selecta, Leipzig 1813) weit hinter sich lassen mussten. Nur ist es bedenklich, dass Urban dabei stehen geblieben ist, rein notizenmässig die Zahlen der Vorlagen aus Owenus mit den gleichfalls nur ziffernmässig citierten deutschen Nachahmungen in seitenlangen Kolumnen raumverschwendend zusammenzustellen. Welcher Art die Nachahmungen waren, ob sklavische Übersetzungen, Umbildungen der Gedanken oder nur leichte Reminiscenzen, davon vermögen wir uns keine Anschauung zu bilden. Und doch hätten gerade solche Beobachtungen auch die Konfrontation des trockenen Owen us mit seinen – von ganz wenigen abgesehen – gleich geistlosen Nachahmern interessant machen können. Selbstverständlich hätte es sich nicht um eine Ausbreitung des gesamten Materials, sondern nur um charakteristische Proben handeln können. Bei der Form, die Urbans Schrift jetzt trägt, möchte man im Zweifel sein, ob nicht zu viel auf Owenus' Rechnung gesetzt ist, und ich glaube schon nach einigen Stichproben, dass sie eine strenge Nachprüfung nicht durchgängig aushalten wird. Ich will aber nicht die Förderung vergessen, die die Kenntnis Daniel Czepkos als Epigrammatiker durch die Heranziehung des Breslauer Codex der ‘Kurtzen Satyrischen Gedichte' (vgl. Urban S. 28-32) erfahren hat.

Franz Schultz.

Bonn.

Kuhnau, Johann. Der musicalische Quack-Salber. Herausgegeben

von Kurt Benndorf. (Deutsche Litteraturdenkmale 83–88.) Berlin, B. Behr, 1900. XXV, 271 S. 8.

Der "Musicalische Quack-Salber', den uns der vorliegende Neudruck wieder zugänglich macht, ist ein Abkömmling jener weitverbreiteten Satire auf alle Stände, die seit dem 16. Jahrhundert in Narrenschiffen und Schelmenzünften, in Robinsonaden und Diskursen, Sinn- und Scherzgedichten, im Roman wie im Drama alle Thorheiten und Schwächen, Übertreibung und Beschränkung, den Zelotismus jeglicher Art und Richtung verspottete. Der Verfasser Johann Kuhnau, der für die Litteraturgeschichte bislang verschollen war und nur in musikwissenschaftlichen Encyklopädien ab und zu auftauchte, hat, ein Kind des Erzgebirges, in Dresden und Zittau das Gymnasium, in Leipzig gleichzeitig mit Christian Reuter die Universität besucht und mit einer Dissertation über die Pflichten und Rechte des Kirchenmusikers den Doktor gemacht. Ein paar Jahre darauf

im

Beschter Verfasser und noin Kind

ist er Organist an der Thomaskirche in Leipzig, endlich Kantor, der unmittelbare Vorgänger Johann Sebastian Bachs. 1722 ist er gestorben, nicht nur als Komponist, sondern auch als Musiktheoretiker von Zeitgenossen und Späteren geschätzt.

Ein Schüler Christian Weises, im engeren wie im weiteren Sinne folgt er in seinem Buche in Titel und Inhalt wie in Technik und Stil dem 'Politischen Quacksalber' seines Lehrers (1684) und verrät auch Beeinflussung durch Reuter und Happel. Seine Satire, die gerade an der Grenze zweier Jahrhunderte steht, wendet sich gegen den schlechten und eingebildeten, den bramarbasierenden und marinisierenden Musikus, der gemeiniglich der ärgste Ignorante unter den Sonnen ist und gleichwohl immer thut, als wenn er mit seinen zerriebenen Ziegelsteinen und aus Inschlit gemachten Salben die Todten wieder aufferwecken könte ...' (3, 13 f.) Diesen musikalischen Quacksalber will er recht‘anatomiren' und dessen ‘lebhafften Abriss auf öffentlichen Markte zu feilen Kauffe aushengen'. 'Nun könte ich zwar', sagt er einmal, 'wenn ich einen fleissigen Maler abgeben wollte, unterschiedene aus diesem Collegio Musico sitzen lassen und aus der engen Compagnie ein und ander Contrefait eines perfecten musicalischen Quacksalbers auffbringen: Allein ich mag mich eben nicht mit der Menge sol. cher possirlicher Gesichter schleppen, sondern ich will es demjenigen Bildhauer nachthun, der die erste Statua von der griechischen Venus verfertiget hat. Und gleich wie dieser alle Schönheiten, welche bey dem Frauenzimmer meistentheils einzeln gefunden werden, in diesem Bilde zu fassen bemüht gewesen, also will ich auch, wo es möglich seyn wird, der ungeschickten Musicanten Thorheit, Prahlereyen und Betrug, in einem eintzigen Bilde auff einmahl weisen' (27, 18 ff.). So zeigt Kuhnau an diesem Schulbeispiel von einem Musiker à la Mode, der seinen gut deutschen Namen "Theueraffe' in Caraffe verändert (30 ff. über die Mode, den deutschen Namen zu übersetzen oder zum mindesten französisch auszusprechen) und wie sein simplicianischer Abne von Stadt zu Stadt zieht, die Eitelkeit, Unverfrorenheit, schlecht bemäntelte Unfähigkeit seiner Kollegen. Er führt uns in die philharmonischen Vereine zu Konzerten in Städte und auf Schlösser, zu Bürgern und Edelleuten, Studenten, Gelehrten, Ratsherren und Dienstmädeln, auf den Jahrmarkt und in den Gerichtssaal. Er satirisiert und parodiert Sprache und Sitte aller Stände am Ende des 17. Jahrhunderts (vgl. Einl. XVIII, f.). Naturalistisch in der Schilderung, sicher und keck im Konterfei ist er arm in der Erfindung, die Liebesgeschichten, die er für seine Helden braucht, holt er schlankweg aus der gangbaren Schwanklitteratur: Eine Fran Potiphar (119 f.) bemüht sich vergeblich um die Liebe eines Kollegen Caraffens, des braven Lautenisten Krafthaar. Während der Liebhaber eben, ‘ich weiss nicht zu was für einem Einzuge, Anstalt machet', bläst Caraffa, hinter einer Tapete versteckt, Sturm und vertreibt dadurch das Liebespaar (125, ff.; vgl. Sercambi Novelle ed d’Ancona Nr. 5; Morlini Nr. 66; Krüger, Hans Clawert Kap. 5 Wie Clawert zu Sturm bleset, als Pest und Ofen gestürmet wird'; Langbein Schwänke ‘Der Sturm zu Konstantinopel”; ein Mei

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