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Blankas preisen hören, weil der Wunderspiegel, nach dem ersten Mordversuch Rostflecken zeigend, nun nach dem zweiten völlig erblindet ist und der Verderbensinnenden nicht mehr antwortet. Der Jude muss herhalten; er muss Nase und Ohren hergeben, ins Gefängnis wandern und einen liebevollen Brief so herrichten, dass der Lesende unter der Wirkung des Giftes hinsipkt.

Wieder liegt Blanka im Sarge, von den weinenden Hofzwergen bewacht; und die aus den früheren Vorgängen erwachsene Hoffnung will fast zu Schanden werden. Da erscheint der fromme Herzogssohn, der seinen Vater aus dem Fegefeuer zu befreien unternommen hat und im Besitze einer heilkräftigen Reliquie ist. Gerührt von der Schönheit Blankas, lässt er die Macht des geweihten Kleinods in der Wiederbelebung offenbar werden. Doch wird das Wunder einstweilen geheimgehalten.

Von dem erlösten Vater bedankt und angespornt, erscheint der Herzogssohn auf Freiers Füssen vor Richilde. Sie ist bereit, dem schönen Jüngling die Hand zum Ehebunde zu reichen, und folgt ihm in seine Heimat, wenn auch nicht ganz gern. Hier, angethan mit dem bräutlichen Schmuck und eben im Begriff, vor den Altar zu treten, sieht sie Blanka, die Totgeglaubte und die in Wahrheit Auserwählte. Aus einer Ohnmacht erwachend, spricht sie unbewusst sich selbst das Urteil, in dessen Ausführung sie mit glühenden Schuhen durch den Saal zu tanzen gezwungen wird.

Die Handlung der Grimmschen Fassung beginnt mit der Geburt Sneewittchens. Die Königin-Stiefmutter ist die Schönste und will die Schönste bleiben; darum ist ihr das siebenjährige Stiefkind bereits ein Dorn im Auge; Lunge und Leber des Mädchens will sie fressen. In eigener Person, eine geschickte Verwandlungskünstlerin, unternimmt sie die ruchlosen Anschläge, welche mehr mechanisch angelegt, roher durchgeführt und mehr auf mechanischem Wege zu nichte gemacht werden.

Sneewittchen ist das Urbild des unschuldig verfolgten Stiefkindes. Und doch – es wird viel mehr verfolgt, weil es so schön, als weil es ein Stiefkind ist. Freilich könnte man denken, dass der Hass und Scharfblick neidischer Stiefmütter gerade an Stiefkindern stets mehr gute oder schlechte Eigenschaften wahrnimmt, als wirklich vorhanden sind. Aber diese aus der Erfahrung gezogene Bemerkung findet bei Sneewittchen keine Anwendung; denn der Spiegel giebt ja ein getreues Abbild der Wirklichkeit, und nach ihm ist Sneewittchen die Schönste. Die Königin würde gewiss in jedem Falle gegen die spiegelpreisgekrönte Schönheit vorgehen; und wenn das Volksmärchen ihre Verfolgungswut gerade gegen das Stiefkind gekehrt sein lässt, zu dessen mütterlicher Beschützung sie alles thun müsste, so arbeitet es hier mit starken Kontrastwirkungen, um recht deutlich zu machen, dass gekränkte Eitelkeit und unnatürlicher Stolz auch die bindendsten sittlichen Verpflichtungen schweigen machen.

Man sieht: das Volksmärchen der Grimms, ein Kinder- und Hausmärchen, bringt unglaublich einfache, fast rohe Beweggründe: die Stiefmutter, welche die Schönste sein will und das Stiefkind nur deshalb verfolgt, weil es schöner ist. Dass die Schönheit gerade deshalb so viele Reize für die Besitzerin hat, weil sie Verehrer schafft und eine reiche Auswahl unter den schönsten, begehrenswertesten Männern ermöglicht, dass man nicht zufrieden ist, wie eine griechische Bildsäule an sich schön zu sein und leidenschaftslos-ästhetisch bewundert zu werden, dass man viel mehr für andere als für sich allein schön sei – davon weiss das Kindermärchen nichts. Die Schönheit ist ihm nicht weithin reichende Wirkung, sondern lediglich Privatbesitz des selbstverliebten Narcissus, der im Anschauen der eigenen Vorzüge schwelgt und sein stillinniges Genügen findet, der im Spiegelbilde der eigenen Person die Meisterschaft der Natur bewundert und anbetend verehrt. Dass die Schönheit geschlechtliche Reize auslöse, dass sie Besitzgelüste rege mache, dass sie anlockend alles in ihren Bannkreis ziehe — davon ahnt das Hausmärchen nichts. Seine Schönheiten sind ein verheiratetes, ehelich gebundenes Weib und ein kindliches, weiblich vollkommen unentwickeltes Geschöpfchen von sieben Jahren. Musäus' Richilde dagegen ist eine schöne, junge Witwe, und ihre Stieftochter ist ein schönes, junges Mädchen von fünfzehn Jahren. Selbst der prinzliche Jüngling im Sneewittchen ist durchaus auf rein-ästhetisches Geniessen gestimmt. Er will Sneewittchen im Sarge besitzen, um sich an ihrem holden, frischen Anblick zu ersättigen. Freilich möchte man glauben, dass ihm ohne den ungeschickten, glücklich - stolpernden Sargträger wohl recht bald pygmalionische Wünsche gekommen wären, der tote

Körper möchte aus der schönen Todesstarre zu schönerer Lebensregung sich heben.

Was thut ein schönes Weib im Märchen, wenn sie ihre Nebenbuhlerin nicht neben sich dulden will? Die Königin-Stiefmutter lässt Sneewittchen ganz einfach ermorden oder erteilt wenigstens entsprechende Befehle. Nachher greift sie selbst zu giftigen Künsten. Der König-Gatte und -Vater kommt dabei gar nicht zum Vorschein. Er ist in der That nur da, insofern er Sneewittchen zeugt, dem Wunsche ihrer Mutter gemäss so rot wie Blut, so weiss wie Schnee und so schwarzhaarig wie Ebenholz, und dann insofern er seinem verwaisten Töchterchen eine böse Stiefmutter erheiratet. Er zeigt sich nie, aber er wirkt schicksalbestimmend und unschuldig-unheilvoll. Nach der zweiten Heirat ist gar nicht mehr die Rede von ihm. Er vergleicht sich recht gut mit einer vielerwähnten und doch nie sichtbar werdenden Person eines märchenhaften Dramas, mit Gretchens Mutter in Goethes Faust. Die Mutter ist hier im eigentlichen Sinne der Tochter wegen da, wie der König-Vater um seines Sneewittchens willen.

So etwas dürfen sich zauberhafte Dramen und Volksmärchen wohl erlauben. Musäus' Personen laufen nicht so in der Welt herum, als ob ausser ihnen gar niemand mehr da wäre, als ob sie in märchenhafter Einsamkeit dahinlebten. Sie haben Rücksichten zu nehmen. Ihre Handlungen sind nicht so einmalig, liegen nicht so ausser aller Welt und ausser allen Zeit- und Ortsverhältnissen; es sind nicht so rohe Geschehnisse, durch welche einzelne Seelenvorgänge oder -eigenschaften in einseitiger Richtung ausgeprägt werden. Richilde agiert gegen Blanka, nachdem der Gatte und Vater Gombald gestorben ist; sie erlaubt sich nicht solche Gewaltmittel wie die Märchenkönigin, sondern geht von Anfang an recht klug und listig vor. Stillwirkendes Gift soll alles thun, und zwar unter den verschiedenartigsten Formen und von täuschenden Gestalten dargeboten. Sneewittchen ist von einer mehr als kindlichen Vertrauensseligkeit, und was die Königin bei ihren ersten beiden täppischen und unzureichenden Versuchen denkt, weiss man nicht. In der 'Richilde' sind alle noch so mörderisch gedachten Anschläge vergeblich, da der Jude Erstarrungspulver anstatt tödlicher Gifte verwendet. Die Königin geht ungeschickt vor, Richilde wird geschickt getäuscht. Der dritte Versuch gegen Sneewittchens Leben scheitert durch zwei Zufälle, welche sich nach Art zweier entgegengesetzter Rechnungsfehler aufheben: zunächst bleibt der Apfel zufällig in der Kehle stecken, dann springt er ebenso zufällig heraus. Das Resultat gefällt den Kindern. Aber was helfen tröstlich anmutende Resultate ohne vernünftige Motivierungen? Gerade so wenig wie stimmende Rechnungen ohne richtiges Rechnen!

Doch wollen wir mit dem Volksmärchen wahrhaftig nicht rechten und rechnen. Es war nur nötig, darauf hinzuweisen, dass Musäus nicht so durchaus als läppischer Vermodernisierer verfahren ist. Musäus in Ehren und das Volksmärchen in Ehren! Das Volksmärchen aber gilt uns viel weniger durch seine Handlung als durch das Bei- und Nebenwerk, das rege Naturempfinden und die liebliche Schilderung des Zwergenheims: Sneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen! Berlin.

Erich Bleich. (Fortsetzung folgt.)

Das lateinisch-altenglische Fragment

der
Apokryphe von Jamnes und Mambres.

Das Interesse, welches sich an die Namen Jampes und Mambres knüpft, ging zunächst wohl von einer Bibelstelle aus, 2. Tim. 3, 8, wo ʼlovvñs und Ioupons bezw. (in der occidentalen Textgruppe) Moupons als Widersacher Moses erscheinen. Quemadmodum autem Jannes et Mambres restiterunt Moysi, ita et hi resistunt veritati heisst es in der Vulgata. Die rastlos vordringende Schrifterklärung hat sich denn auch viel um diese Stelle bemüht und mancherlei Nachrichten über die beiden ägyptischen Zauberer aus christlichen wie heidnischen, orientalischen wie occidentalen Quellen zusammengetragen, worüber die reichen Litteraturnachweise in Herzogs Realencyklopädie für protestant. Theologie Bd. VIII3, S. 587 f. und Wetzer-Weltes Kirchenlexikon Bd. VI?, Sp. 1214 und Bd. I?, Sp. 1065 zu vergleichen sind.

Dass die jüdische Tradition über sie sich früh zu einer besonderen Schrift verdichtete, ist uns aus drei Stellen bekannt. Ein Zeugnis für die griechische Kirche des ausgehenden 2. Jahrhunderts bietet uns der grosse Kirchenlehrer Origenes, welcher in seinem Matthäus-Kommentar, der uns vollständig leider nur noch in einer alten lateinischen Übersetzung erhalten ist, ein Buch mit dem Titel "Jamnes und Mambres' nennt: Quod ait 'sicut Jamnes et Mambres restiterunt Moysi', non inuenitur in publicis scripturis, sed in libro secreto qui suprascribitur Jamnes et Mambres liber (Tract. 35). Vollständiger giebt urs den Titel, so dass er uns zugleich etwas über die Natur des Inhaltes erraten lässt, jenes interessante Decretum de libris recipiendis et non recipiendis, welches auf der römischen Synode

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