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und die grosse Politik; dafür war er gross in weitaussehenden Geldgeschäften und ein glücklicher Ehemann und Familienvater, wenigstens sofern es auf die Treue der Frau und Kindersegen ankommt.

Wunderbar an unserem Märchen ist nur, dass die stolze Obizza gerade den unmännlichen Udo zum Gatten ausersieht. Das Märchen aber duldet solche wunderbaren Vorgänge nicht, wie sie im gewöhnlichen Leben alltäglich statthaben; es erklärt das Aussergewöhnlich-Gewöhnliche durch ein ganz Aussergewöhnliches, eben durch Verwendung eines märchenhaften Werkzeuges, nämlich durch einen Ring, der zum Liebesgott wird und als solcher zusammenbringt, was er will: die Sache bleibt genau dieselbe. Natürlich wird die Fähigkeit des Ringes auch anderweit erprobt; daher der erste Teil der Geschichte, welcher aber auch dazu dient, den Glückswechsel in Udos Schicksal recht hart erscheinen, vorahnen und mit Hilfe des Zauberers in sanftere Bahnen lenken zu lassen.

Der Stoff der ‘Libussa' hält uns in slavischen Gegenden fest, denn er führt zu den Anfängen der czechischen Besiedelung Böhmens, ja bis auf die erste Urbarmachung dieses Landes.

Es ist nämlich die Furcht vor der rodenden Axt der immer näher heranrückenden Einwanderer, welche einer Fee den Entschluss abnötigt, bei dem guten, liebenswürdigen Manne Krokus Schutz zu suchen für die prächtige Eiche, mit deren Gedeihen ihr eignes elfenhaftes Leben in engster ursächlicher Verbindung steht. Sie ist, klassisch ausgedrückt, eine Dryade, moderner benannt, eine Baumnymphe, naturwissenschaftlich angesehen, eine volkstümliche Verkörperung der Lebenskraft, dem Märchen dienend als Wahrzeichen dafür, dass ein reges Verhältnis zur Natur und der Schutz, welcher ihren Kindern zugewendet wird, dem Wohlthäter alles Heil und Segen bringt. Krokus schützt nämlich die Eiche, wofür die Nymphe seine Gattin wird, nachdem vorher die wachsende Liebe zu dem Beschützer ihren überirdischzarten Leib mehr und mehr irdischen Formen und Eigenschaften angenähert hat, während hinwiederum der rauhe Kriegsmann sanfteres Wesen und geistige Allüren annimmt. Die Geburt von Drillingen genügt den natürlich-menschlichen Anforderungen an diese Ehe; damit aber auch das übernatürliche Element nicht fehle, zeigen die drei Mädchen von Anfang an körperliche und geistige Frühreife, sowie später eine ausgesprochene Gabe zur Naturbeherrschung, Magie und Wahrsagerei.

Ein Schicksalsblitz zerschmettert die Eiche und tötet die Nymphe. Krokus stirbt seiner Gattin bald nach. Die Welt hatte ihm nichts mehr bieten können. Glückliche Liebe war sein Teil gewesen; Reichtum und Macht war ihm in Fülle zugewachsen; Klugheit hatte ihn über die Mitmenschen erhoben; alle diese Vorzüge zusammen hatten ihn auf Böhmens Herzogsthron geführt, hatten ihn zum friedlich-schiedlichen Beherrscher slavischer Reiche gemacht, ein Vorbild für Samo, Svatopluk, Boleslav oder ein historisches Spiegelbild neuester panslavistischer Tendenzen.

Der erledigte Thron ist das Ziel dreier Bewerberinnen, der drei Töchter. Aber die sanfte, bescheidene Libussa gewinnt es vor ihren hochfahrenden Schwestern; Wladomir und Mizisla drücken trotz unheilkündender Raben und Alpdruck, welche die neidischen Schwestern entsenden, Libussas Wahl durch, beide im Glauben, damit ihre Hand und die Herzogskrone zu verdienen. Mit nichten. Libussa hat bereits gewählt, und zwar den wackeren Edelbauern Primislav; sie ist jedoch entschlossen, ihrem Stande nichts zu vergeben. Erst die Forderung des Volkes, sich selbst einen Gatten und dem Lande einen Herzog zu geben, sowie die zudringlichen Bemühungen Wladomirs und Mizislas zwingen sie, von ihren Künsten Gebrauch zu machen und, scheinbar wie durch Götterspruch und Schicksalsfügung, Primislav zu küren, auf welchen auch sogleich die Gabe der Weissagung fällt; dennoch muss er seine Überlegenheit über Wladomir und Mizisla durch glückliche Lösung schwierigerer Regeldetri-Aufgaben nachweisen.

Diese kurze Wiedergabe des Inhalts, entsprechend dem Sinne und der Behandlungsart des Musäus, wird genügen, um die satirische und ironische Manier des Erzählers zu verdeutlichen. Der Stoff wird so gemodelt, dass er der Laune, dem Witz und der Bekämpfung herrschender Verhältnisse Nahrung zum Spiel und ein Feld der Bethätigung giebt. Und wenn der Dichter diesen Stoff so entlegen weit herholt, so thut er es nur, weil alte Sagen und verwitterte Erzählungen dem modernen Bearbeiter besondere Gelegenheit geben, durch gegensätzliche, psychologisch-moderne Behandlung, sowie durch weitgehende Ausdeutung und lachenden Glauben Kontrastwirkungen hervorzurufen.

Andere haben Entgegengesetztes behauptet: sie finden die Libussa' ernst und würdig. Ich will meine Behauptung des ferperen beweisen, und zwar in Beantwortung der Fragen: Was ist märchenhaft an dem Stoffe ? Und wie hat Musäus dieses märchenhafte Element behandelt ?

Märchenhaft ist die Verbindung des Krokus mit der Nymphe. Sie ist es bei Musäus geblieben, nur dass die ganze Angelegenheit mannigfach auf neuzeitliche Verhältnisse anspielt und mit moderner Seelenhaftigkeit versetzt ist. Die Nymphe ist gewissermassen zur Aristokratin geworden, welche den geistig und leiblich zunächst etwas ungeschlachten Krokus durch eigentliche Belehrung und durch bildenden Umgang zu dem macht, was er später ist: der vom Zufall ausersehene, nicht ganz ungelehrige Emporkömmling. Abgesehen von der Nymphenhaftigkeit der Frau, ist es lediglich der Zauber hingebender Liebe, der den Verhältnissen einen wunderbaren Anstrich giebt. Denn das vermag die Kraft der Nymphe nicht zu erreichen, dass Krokus mehr wird, als er auf natürlichem Wege werden kann. Er bleibt der Mann seiner Frau, durch sie reich an Besitz und Ehren, durch sie eingeweiht in den feinen Schwindel einer gewissen orakelnden Weisheit; ohne sie nur ein Schatten seines früheren Selbst und das beste Teil erwählend, indem er mit Tode abgeht: denn mit der Gattin-Nymphe stirbt nicht sowohl seine Lebenskraft als seine geistige Macht.

Märchenhaft ist die magische Begabung der drei Töchter. Aber während sie bei den beiden älteren nur dient, ihre neidische Bosheit gegen die jüngere in grelleres Licht zu setzen, versteht diese davon einen besseren Gebrauch zu machen; sie verschafft sich durch ihre Künste und Naturbeherrschung den Mann des Herzens, wovon Dubravius, des Musäus Quelle, nichts weiss. Indem aber ihr Erkorener ein einfacher Mann aus dem Volke ist, wiederholt sich nur die Geschichte, welcher sie selbst ihr Dasein verdankt. Primislav, durch das beglückende Gefühl seiner Wahl zum herzoglichen Ehegemahl in Verzückung geratend, fängt an, einen Hauch des Geistes seiner Zukünftigen zu verspüren: er weissagt über Böhmens Schicksal und das Geschlecht, welches seinen Lenden entspriessen wird. Nachher genügt, dass er rechnen kann.

So zeigt die Fabel im ganzen und die besondere Verwertung der märchenhaften Züge im einzelnen, dass Musäus eine satirische Novelle geschrieben hat, übernatürliche Kräfte und Vorgänge nur da verwendend, wo sie die Eigenart der Handlung besser ins humoristische Licht zu setzen und die kennzeichnenden Züge schärfer herauszuheben vermögend sind. Das Thema war: Weiberliebe ist Weiberlaune, dem Zufall nachgebend (Nymphe) oder der Augenlust und Absonderlichkeit frönend (Libussa), jedenfalls den Auserwählten emporhebend und ihn mit allem verfügbaren Erdenglück begabend, ohne Verdienst und Würdigkeit.

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II. Nachdem wir für die Behandlung einer gedruckten Vorlage und für die vielleicht frei erfindende Dichterthätigkeit in ‘Libussa' und Dämon Amor je ein Beispiel gebracht und betrachtet haben, wenden wir uns im folgenden zunächst den Erzählungen zu, welche in dem ganzen Verlaufe ihrer Begebenheiten volkstümlichen Überlieferungen an die Seite zu setzen sind.

Sneewittchen ist das Urbild des unschuldig verfolgten Stiefkindes, welches allen Nachstellungen der bösen Stiefmutter zum Trotz mit dem Leben davonkommt und den Königsthron einnimmt. Richilde', nach welcher das verwandte Märchen des Musäus heisst, ist die Stiefmutter: die Titel bereits zeigen den Unterschied auf. Musäus rückte das bewusst handelnde, eitle Weib in den Vordergrund, während das Stiefkind Blanka (die Weisse, Schneeweisschen) zum blossen Gegenstand der unbarmherzigen Eifersucht Richildes wurde; mit den Vergehungen gegen das unschuldige Mädchen ist das zulässige Mass erschöpft, und die Vergeltung tritt in ihre Rechte.

Richilde ist das heissersehnte Kind eines frommen, fürstlichen Elternpaares; aber sie scheint, wie Robert der Teufel, nur deshalb so spät geboren, weil die Lebewelt in unbewussten Ahnungen sich weigert, ein durchaus unheilbringendes Geschöpf zum Dasein erwachen zu lassen. Den Eltern spät geboren, wird sie früh zur Waise; der ernsten elterlichen Führung beraubt, verfällt sie einer zügellosen Eitelkeit. Ihr Wunderspiegel, welcher

aber nicht spricht, erklärt sie für die Schönste. Sie lässt sich bekuren und umschwärmen; ihr ganzes Streben geht darauf, Schmeicheleien zu hören. Sie ist masslos kokett, stolz und von kurzem Sinn. Sie glaubt, nur der schönste Mann sei ihrer, des schönsten Weibes, würdig. Und wenn nun dieser Mann, Gombald, auch schon in glücklicher Ehe vermählt ist – auch er ist schön und dumm und eitel. Das Gerücht, Richilde wolle nur gerade ihn zum Gatten, macht ihn zum Narren und Frevler. Unter schlechtem Vorwande trennt er sich von seiner Gattin, welche an gebrochenem Herzen hinstirbt, nachdem sie einer Tochter, Blanka, das Leben gegeben.

Aber die Ehe des Schönsten und der Schönsten ist bald nicht mehr die schönste. Madame langweilt sich, und der vernachlässigte Gatte bekommt Gewissensbisse. Natürlich, die Frucht seiner Unthat, der Besitz Richildes, lockte an durch würzigen Duft und war von herrlichem Wohlgeschmack, aber jetzt stösst er auf wurmstichige Stellen. Reumütig zieht er zum heiligen Grabe und kehrt nicht wieder.

Es ist herrlich, Witwe zu werden, wenn man noch so jung und so schön ist wie Richilde. Die Freier drängen sich, die Schmeicheleien fliegen nur so, und Liebesseufzer durchtönen die Lüfte; alles ist Leben und Bewegung, und die schöne Witwe steht mitten inne: um sie dreht sich alles. Doch — aus kleinen Mädchen werden artige Jungfrauen. Blanka hat sich zur keuschen Blume entfaltet, und der Wunderspiegel erteilt ihr den Preis der Schönheit.

Es erfolgen die drei Angriffe auf das Leben der nichtsahnenden Nebenbuhlerin, durchaus abweichend von denen des zeit- und ortlosen Volksmärchens. Denn wir befinden uns im Brabant des 13. Jahrhunderts. Der jüdische Hofarzt muss seine chemischen, giftmischerischen Kenntnisse anwenden und einen Apfel präparieren, dessen eine Hälfte, von der Stiefmutter in auszeichnender Liebe dargeboten, das Stiefkind Blanka in eisige Todesstarre begräbt — auf einige Tage, denn der Jude hat das Geld genommen, ohne den verlangten Dienst zu leisten. Auch die wohlriechenden Seifenkugeln, welche von einer als Krämerin verkleideten Zofe Richildens feilgeboten werden, haben nur ein wenig stärkere Wirkung. Bald genug muss Richilde die Schönheit

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