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Die Märchen des Musäus, vornehmlich nach Stoffen und Motiven.

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Einleitung Es ist achtungswert, wenn die Brüder Grimm Märchen sammeln und nach Inhalt und Form wiedergeben, wie sie im Volke umlaufen. Jetzt wissen Ammen und Mütter, wie sie Märchen vorzutragen haben, und die Poesie der Kinderstube kann sich erfrischen, wenn ihr im Drange des modernen Lebens die alte Art und Weise verloren gehen sollte. Fragt sich nur, ob das Alte immer am Platze bleiben werde. Die Brüder Grimm sammelten doch wohl auch in dem Gedanken, mehr und mehr Zurückweichendes festzuhalten und Hinschwindendes vor spurlosem Vergehen zu bewahren. Sie hielten treu in Buchstaben fest, was nur im Munde des Volkes war, weil andere die Märchenüberlieferung willkürlich und nach eigenem poetischen Gutdünken verwertet hatten. Sie sahen in den Märchen ein heiliges Gut, von einem Geschlecht dem anderen übermacht, und es erfüllte sie mit Entsetzen, wenn ihr Freund Brentano damit nach Belieben und künstlerischen Launen schaltete und waltete. Um so mehr, als er nicht der erste und nicht der einzige war.

Ein Menschenalter vorher hatte Musäus, Märchenstoffe und -motive verwertend, seine Volksmärchen der Deutschen in fünf Bänden (1782—87) ausgehen lassen. Hier war keine Spur von naiyem Sinn, kindlicher Auffassung, wundergläubigem Gemüt und schlichter Einfalt. Alles verriet den scharfen Geist, den witzigen, klaren Kopf und den geübten, erfahrenen Schriftsteller. Musäus war durchaus ein Sohn des 18. Jahrhunderts, ein Aufklärer in jeder Beziehung und, nach Art eines selbstbewussten Geistes, von

Archiv f. n. Sprachen. CVIII.

der Güte seiner Eigenart und der Höhe des errungenen Standpunktes zu sehr überzeugt, um in die Niederungen der Volksphantasie nachschaffend herabzusteigen und zum Sprachrohr der volkstümlichen Ausdrucksweise zu werden. Was ihm alte Weiber und junge Kinder vorerzählten, im gleichen Tone und gleicher Stilart nachzuerzählen – daran hat er niemals auch nur gedacht; solche zurückgebliebenen, aus Einfalt einfachen Formen mündlicher Darstellung schriftlich wiederzugeben, wäre ihm als mühsames und gar nicht verlohnendes Unterfangen erschienen. Die einfache Form passte nur zu dem kindlichen Inhalt – und diesen Inhalt wollte er keineswegs übernehmen, sondern modeln und umändern, bis er Seiten zeigte, welche auch dem gereiften, verständigen Leser Unterhaltung bieten konnten.

Musäus war ausgerüstet mit der Bildung und den Einsichten seiner Zeit. Er wollte diese Bildung nicht verleugnen und diese Einsichten nicht vergessen. Er wusste, was an seiner Zeit Gutes war; er betonte das bei der Schilderung vergangener Zeiten, wie sie die Märchen ihm nahe legten. Er hatte die Schwächen seiner Zeitgenossen mit scharfem Auge erspäht, und er pries vergangene Jahrhunderte, welche ohne derartige Ausschreitungen gewesen waren, allerdings auch ohne entsprechende Vorzüge.

Musäus ist ein Spötter, aber nicht gallig; er lacht gern, aber nicht boshaft. Die menschliche Schwäche rührt ihn nicht und lässt ihn nicht wehklagen, sondern sie belustigt ihn und hält ihn bei Laune. Aber nicht weil er besser wäre als andere Menschen, sondern er lacht der Schwäche, die sich so oft und so gern als Stärke fühlt und brüstet. Er ist nicht selbstgenügsam. Gewiss, er lebte zu Weimar in kleinen Verhältnissen, die Jugend belehrend und am Gartenbau sich ergötzend; aber er war darum kein Philister, kein behäbiger Spiessbürger, wie litterarhistorische Jünger wollen. Im kleinen Weimar lebte ja auch Goethe; und Herder hielt dem ‘Philister' Musäus die Leichenrede, während Wieland die Volksmärchen des 'Spiessbürgers' neu herausgab.

Die vor kurzem (1897) als Marburger Dissertation erschienene Arbeit Andraes: 'Studien zu den Volksmärchen der Deutschen von J. K. A. Musäus' hat zum erstenmal die Volksmärchen des Musäus zum Gegenstande einer besonderen Untersuchung gemacht. Sie ist durchaus methodisch und im Stile litterarhistorischer Exaktheit abgefasst; allein gerade deshalb glaube ich, dass neben ihr ganz gut Platz für eine andere Auffassungs- und Behandlungsart vorhanden ist. Was die wissenschaftliche Litteratur sonst an wichtigen Bemerkungen und Auslassungen lieferte, habe ich benutzt und, im Falle anders gearteter Überzeugungen, zu widerlegen gesucht. Es ist wenig, was hier in Betracht kommt: die paar Bemerkungen im dritten Bande von Grimms 'Kinderund Hausmärchen', wo die im Sinne der Brüder so zu nennenden Märchen aufgezählt und durch litterarische Nachweisungen ähnlicher oder derselben Stoffe ausgezeichnet werden; die darüber kaum hinauskommende, nicht ganz einheitlich ausgefallene und in ungenauen Angaben flimmernde Darstellung, welche Bechstein im zweiten Teile seines Buches Mythe, Sage, Märe und Fabel im Leben und Bewusstsein des deutschen Volkes gegeben hat; die hübsche Würdigung der einzelnen Märchencharaktere in Moritz Müllers Musäus-Biographie; und endlich die sehr schroff und tadelnd gehaltene Beurteilung, wie sie Grisebach gewagt hat in einem bekannten Büchelchen: Die Wanderung der Novelle von der treulosen Witwe durch die Weltlitteratur.

Vorweg möchte ich bemerken, dass die Rübezahllegenden beiseite gelassen sind. Sie gehören durchaus dem Gebiete der Lokalsage an und sind bereits vielfältig behandelt worden. Auch sonst habe ich mich stets beschränkt, die eigenen wesentlichen Beobachtungen, wie sie ein Ergebnis vergleichender Betrachtung sind, übersichtlich zusammenzustellen und, Märchen für Märchen, in möglichst abgeschlossener Form darzubieten: Stoffe und Motive, ihre Behandlung und Verarbeitung, erschienen mir als das Wichtigste.

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Abgesehen von der 'Libussa’, die auf einer gedruckten, auch uns zugänglichen Vorlage beruht, benutzte Musäus hauptsächlich mündliche Volksüberlieferungen, wie sie später von den Brüdern Grimm und vielen anderen nach ihnen für das ganze deutsche Sprachgebiet oder für einzelne Gegenden aufgezeichnet worden sind. Derselbe Märchenstoff hat verschiedenes Ansehen und abweichenden Charakter, je nach Zeit und Ort seines Umlaufes ; der Varianten sind unzählige, und es lässt sich also gar nicht feststellen, welche Abänderungen auf Rechnung des Musäus zu setzen sind, da wir ja die Form des von ihm benutzten Stoffes nicht kennen. Wir wollen auch keinen Versuch machen, etwa durch langwierige Untersuchungen herauszubringen, wie die Erzählungen wohl ausgesehen haben mögen, welche dem Musäus vorgelegen haben oder vorgetragen worden sind. Denn einmal glauben wir an den scharfen Unterschied nicht, welcher zwischen Volks- und Kunstdichtung immer wieder hervorgehoben wird; und andererseits sind wir nicht hypothesenfroh genug, um auf solche nicht völlig stichhaltige Unterscheidungen hin noch weniger stichhaltige Vermutungen zu Markte zu bringen. Auch nehmen wir Abstand, Volks- und Kunstdichtung hier ins allgemeine zu kontrastieren; wir werden Gelegenheit finden, in der eingehenden Vergleichung volks- und kunstmässiger Fassungen ein und desselben Stoffes recht augenfällige Unterschiede bemerkbar zu machen, welche durchaus nicht allemal zu Gunsten des Volksmärchens angethan sind.

Noch wäre möglich, dass Musäus ausser in der Umformung und Umdichtung alten Bestandes und alter Stoffe durch Neuschöpfung thätig gewesen ist, dass er in selbständiger Weise, wie später Brentano und manche andere, Märchen erfunden hat. Jedoch ist das bei dem ganzen Charakter des Musäus eigentlich von vornherein ausgeschlossen; ein Geist wie der seine hatte wohl Freude an der witzigen, satirischen Behandlung des Märchenstoffes, aber nimmermehr an diesem Stoffe selbst; er holte das Lächerlich - Menschliche heraus und behandelte ausführlich, was ihm einer scherzhaften und dann und wann auch wohl ernsthaften Behandlung wert erschien. Das Märchen und das Märchenhafte war ihm Mittel zur Satire, kein Kunstzweck zur Erbauung einer poetischen Gemeinde. So vermögen wir denn auch überall Anlehnung an alte Stoffe wahrzunehmen; wo nicht, steht eine solche mit Sicherheit zu vermuten. Nur in einem einzigen Falle ist bisher kein vergleichbarer Stoff aufzufinden und kein Anhaltepunkt zu gewinnen gewesen. Es ist auch möglich, dass niemals einer aufgefunden wird und dass hier demnach vielleicht eine Erfindung des Musäus vorliegt: 'Dämon Amor ist ein satirischhistorisches Zauberstückchen. Der ganze Zauber des "Dämon Amor' ist in der That und Wahrheit geschehen und geschieht heute noch. Es ist auch eine sehr gewöhnliche Geschichte, in der Fügung und dem Gehalte der Handlung jedes Reizes entbebrend.

Waidewuth, der als ein anderer wunderthätiger Magus aus Schiffsuntergang und -zertrümmerung auf einer Tonne entkommt und ans bergende Gestade reitet – Waidewuth wird von Udo, dem liebebeglückten Beherrscher Rügens, wohl aufgenommen, ohne dass dieser erfährt, woher die Zauberkraft seines Gastes stamme. Udo will auch gar nicht einmal wissen, was ihm der zukunftkundige Fremdling an schlimmen Vorausverkündigungen machen könnte. Er ist so dumm, dass ihn etwas zukünftig eintretendes Schlimmes nicht aufregt, wenn er nichts Bestimmtes darüber weiss; das quälende Gefühl der Ungewissheit kennt er nicht. Das Schlimme tritt plötzlich ein: Udo wird durch den Obotritenfürsten von Land und Leuten vertrieben. Es kommt an ihn die Reihe, Schiffbruch zu leiden, und er findet sich am Gestade in den Händen Waidewuths wieder, der sich als König von Brussia entpuppt, dem Freunde gut vorrechnet, aber schlecht nachfühlt, dass er nicht so Grosses verloren, und ihm den Tod des geliebten Weibes meldet. Udo heult seinen Schmerz herunter und erscheint nach sieben thränenfeuchten Tagen mit freudig verklärtem Antlitz unter den Mitmenschen. Vorher schon hatte er Waidewuth geraten, doch endlich einmal ein Los in der Ehelotterie zu ziehen; nun macht er sich selbst nach Mecklenburg auf, wo der Obotritenfürst dem, der die Liebe seiner Erbtochter Obizza gewinnen würde, die Insel Rügen als Preis versprochen hat. Udo, im Besitze des Waidewuthschen Zauberringes, erregt die Zuneigung und die Liebe der Prinzessin, indem er den Ring zum kleinen Amor umgestaltet und in den Busen der Prinzessin schlüpfen lässt. Darauf Heirat und somit Anwartschaft auf das ganze Reich.

Der zweite Teil dieser Geschichte ist nicht ganz so, aber ähnlich im Anfange des 18. Jahrhunderts passiert. Franz von Lothringen (Udo) verliert, nicht ohne Verschulden Kaiser Karls VI. (Obotritenfürst), sein Erbland Lothringen (Rügen), wofür ihm Toskana zu teil wird und mit der Hand Maria Theresias die Aussicht auf die Beherrschung des ganzen habsburgischen Reiches. Auch ‘Franz vermied, wie Udo, die auswärtigen Affairen

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