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wir aber merkwürdiger Weise auch durch einen Umstand ganz anderer Art hingewiesen. Nachdem sich Shakespeare im J. 1582 verheirathet hatte, wurden ihm am 26. Mai 1583 eine Tochter, Susanna, und am 2. Februar 1'585 ein paar Zwillinge (seine letzten Kinder), Hamnet und Judith, geboren, welche ihre Vornamen nach englischer Sitte von ihren Pathen, Hamnet und Judith Sadler, erhielten. Hamnet und Hamlet ist nachweislich derselbe Name. Wir wissen, dass der junge Shakespeare, namentlich seitdem sich die Vermögensverhältnisse seines Vaters wesentlich verschlechtert hatten, in bedrängten Umständen lebte, und diese aussergewöhnliche Vermehrung seiner Familie musste natürlich seine Sorgen in hohem Grade vermehren. Es erscheint nichts weniger als unwahrscheinlich, dass gerade die Geburt dieser Zwillingskinder in ihm den Entschluss, sein Glück in London zu versuchen, zur Reife brachte, und dass noch in demselben Jahre die Ausführung desselben erfolgte. Denn dass Shakespeare ausser von seinem Genius durch seine und seines Vaters dürftige Lage nach London getrieben wurde, steht fest; ob überhaupt und welchen Antheil die bekannte Wilddieberei daran gehabt habe, wird stets zweifelhaft bleiben, so lange nicht etwa die Entdeckung weiterer urkundlicher Nachrichten mehr Licht darauf werfen wird. Aus Halliwell's Leben haben wir den irdischen Shakespeare, um diesen bezeichnenden Ausdruck Hallam’s zu gebrauchen, etwas näher kennen gelernt; wir haben erfahren, dass er grössere Sorge um Erringung und Befestigung irdischen Besitzes trug, als um die Ausbreitung und Befestigung seines Ruhmes durch die Verbreitung und den Druck seiner Werke. Sobald er anfing, zeitliche Früchte seines Genius zu ärnten, war er bestrebt, sich in seiner Vaterstadt einen zusammenhängenden und für seine Verhältnisse wie für den damaligen Geldwerth grossartigen Grundbesitz zu erwerben. Der Eindruck, den die Halliwell'sche Darstellung in dem Leser hinterlässt, erinnert unwillkührlich an Walter Scott, in welchem derselbe Charakterzug in noch grellerer Weise hervortrat. Auf einen solchen Charakter musste die Geburt eines Erben von entscheidendem Einflusse sein, und es ist vielleicht nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, dass Shakespeare nicht zum kleinsten Theil durch seinen Sohn Hamnet nach London getrieben worden ist. Wird es unter diesen Umständen nicht ganz begreiflich, dass er sich gleich im Beginn seiner dichterischen Laufbahn einen Stoff wählte, welcher den Namen seines

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geliebten Sohnes trug, und dass er später mit unverkennbarer Vorliebe immer wieder gerade zu diesem Stoffe zurückkehrte: Gervinus hat irgendwo sehr treffend bemerkt, dass Shakespeare am Hamlet ein pathologisches Interesse' gehabt habe. Hamnet Shakespeare starb bereits im August 1596 zu Stratford , und dieser Todesfall, der den Vater gewiss auf das schmerzlichste betraf und tief erschütterte, mag ihm vielleicht Veranlassung gegeben haben, wiederum zu seinem gleichnamigen Geisteskinde zurückzukehren, und wer weiss, welchen Antheil der Kummer über den Tod seines einzigen Sohnes an der tiefsinnigen Melancholie und an dem Schmerz über die Eitelkeit aller irdischen Dinge gehabt haben mag, welche in diesem Trauerspiele ihren unsterblichen Ausdruck gefunden haben. Denn dass Shakespeare gerade in den Jahren 1597 -- 98 seinen Hamlet von Neuem überarbeitet habe, ist nichts weniger als unwahrscheinlich und würde mit Malone's Annahme zusammentreffen, nach welcher der Hamlet im Jahre 1596 entstanden ist.

Es wäre ein müssiges Unterfangen, weitere Vermuthungen darüber aussprechen zu wollen, wie oft und zu welchen Zeiten Shakespeare den Hamlet überarbeitet haben mag; es muss uns genügen zu wissen, dass in der Quarto von 1603 (QA) die vorletzte, und in der von 1604 die letzte Redaction erhalten ist. 2 Damit soll keinesweges gesagt sein, dass die letzte Redaction erst nach dem Erscheinen der Quarto von 1603 Statt gefunden habe. Im Gegentheil liegen mehrfache Anzeichen vor, dass dieselbe, wie auch die berühmtesten Shakespeare - Kenner übereinstimmend gethan haben, zwischen 1600 und 1602 zu setzen ist. Auch für diese Zeitbestimmung fehlt es uns nicht an einem innern Zeugniss in den bekannten Worten des Rosenkrantz (S. 86): 'I think their inhibition comes by means of the late innovation', welche in der Quarto von 1603 fehlen. Collier (zu dieser Stelle) bezieht diese Worte auf die im Jahre 1600 und 1601 erfolgte Beschränkung theatralischer Vorstellungen auf die beiden Theater Globe in Bankside und Fortune in Golden Lane, wodurch die Schauspieler der Londoner Privattheater gezwungen wurden, die Stadt zu verlassen und im Lande umherzuziehen. 3 Die letzte Redaction des Stückes war es auf alle

Drake 201. Halliwell, The Life of Wm. Shakespeare, 133.

2 Auch Collier (Einleitung zur Hystorie of Hamblet) spricht die Überzeugung aus, dass die Ausgabe von 1603 nicht Shakespeare's erster Entwurf des Stückes sei.

3 Vgl. Collier Hist. of E. Dr. P. I, 311.

Fälle, welche der Buchdrucker James Roberts am 26. Juli 1602 mit folgenden Worten: 'A booke, The Revenge of Hamlett prince of Denmarke, as yt was latelie acted by the Lord Chamberlayn his servantes' in die Verzeichnisse der Buchhändlergilde eintragen liess. 1 Allein Roberts konnte dieser Ankündigung erst nach zwei Jahren Folge geben. Bei dem bekannten Widerstreben der Schauspielergesellschaften, die in ihrem Besitze befindlichen und von ihnen aufgeführten Stücke veröffentlichen zu lassen, ist anzunehmen, dass sie auch Roberts' Vorhaben zu hintertreiben suchten und ihm Schwierigkeiten machten, die Handschrift zu erlangen. Vielleicht wurde er bestochen, wie wir aus Henslowe's Tagebuche erfahren, dass ein Drucker durch ein Geschenk von 40 Schillingen vermocht wurde, den Druck der Patient Grissill von H. Chettle, T. Dekker und W. Haughton zu unterlassen.2 Da jedoch das Verlangen, den Hamlet gedruckt zu haben, einmal rege geworden war, so benutzten die beiden Spekulanten Nicholas Ling und John Trundell, welche das, was ihnen an Gewissenhaftigkeit abging, durch kühnen Unternehmungsgeist ersetzten, die so entstandene Verzögerung. Ihnen kam es nur darauf an, auf Kosten der neugierig gemachten Lesewelt ihren Beutel zu füllen. Die letzte Bearbeitung war ihnen gleichfalls unzugänglich, da sie als neu und daher einträglicher von den Schauspielern gewiss mit noch schärfern Argusaugen gehütet wurde, als die ältere. Sie griffen also zur vorletzten und können hierbei ebensowohl Betrogene als Betrüger gewesen sein. 3 Den Text erhielten sie wahrscheinlich von irgend einer untergeordneten Gesellschaft, die sich ihrerseits auf unrechtmässige Weise in den Besitz desselben gesetzt hatte. Darauf deuten die Worte des Titels hin : as it hath beene diuerse times acted by his Highnesse seruants in the Cittie of London: as also in the two Vniuersities of Cambridge and Oxford, and else - where. Das lässt gerade auf eine solche Gesellschaft schliessen, welche durch das Verbot von 1600 aus London vertrieben war und nun in den beiden Universitätsstädten und anderswo ihr Glück versuchte. Allerdings war am 29. Juli 1593 den Vizekanzlern von Cambridge und Oxford Vollmacht ertheilt worden, in den beiden Städten und deren

· Drake 529, und Steevens Einleitung zum Hamlet.
2 Henslowe's Diary ed. Collier 167.

3 Mit den übrigen unrechtmässigen und unvollständigen Quartos anderer Stücke von 1597, 1600 und 1602 hat es sich gewiss ganz ähnlich verhalten. Mommsen, Der Perkins - Shakespeare. Berlin, 1854. S. 465.

rlich wird es des Verboten wordeninden könzu unterdri

fünfmeiligen Umkreisen alle Interludes und Plays zu unterdrükken. Wir haben keine Angabe auffinden können, wonach dieses Verbot wieder aufgehoben worden wäre; allein da schon ein ähnliches früheres Verbot von 1575 bald in Missachtung kam, so wird es der Erneuerung desselben vom Jahre 1593 schwerlich besser ergangen sein, und es lässt sich also mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass die vorletzte Redaction des Hamlet, wie sie in QA enthalten ist, um 1600 —- 1602 in den beiden Universitäten aufgeführt wurde. Auch in Bezug auf die Zeitangabe haben sich die beiden Herausgeber vorgesehen, indem sie nicht auf den Titel gesetzt haben: as it hath beene latelie acted, sondern: as it hath beene diuerse times acted &c. Bringen wir nun noch in Anschlag, dass Ling und Trundell ihre unrechtmässige Handschrift nach gewöhnlicher Spekulantenart ohne sachverständige Durchsicht und Correktur drucken liessen, so erklären sich die Abweichungen und Entstellungen ihrer Ausgabe auf die einfachste und natürlichste Weise.

Dass der QA nicht dieselbe Bearbeitung zu Grunde liege, wie den übrigen Qs, und dass der Unterschied nicht bloss durch die mangelhafte Aufzeichnung aus dem Gedächtnisse, durch die Unwissenheit der Aufzeichner und durch die schülerhafte Ausfüllung etwaiger Lücken hervorgebracht sei, hat bereits Collier in seiner Einleitung zur Hystorie of Hamblet als seine feste Überzeugung ausgesprochen. Denn liesse sich auf diese Weise auch die Umstellung einzelner Auftritte und Anderes erklären, so bleiben doch viele so wesentliche Abänderungen übrig, dass sie offenbar nur von der ausfeilenden und bessernden Hand des Dichters selbst herrühren können. Dahin gehören namentlich diejenigen in der QB hinzugefügten Stellen, in denen der grübelnde und überall seine trübsinnige Philosophie anknüpfende Charakter des Hamlet vollständiger entwickelt ist, wie Knight in seinen Studien S. 63 folg. näher nachgewiesen hat. Dahin gehört ferner, dass Hamlets Wahnsinn in QA in einzelnen stärkeren Ausdrücken hervorgehoben ist, während der Dichter diese Stellen in QB gemildert und uns den Hamlet mit unerreichter Meisterschaft auf dem schwindelnden Rande gezeigt hat, wo verstellter Wahnsinn in wirklichen überzugehen beginnt. 2 Endlich führen in der vorletzten Redaction mehrere Personen durchaus andere Namen; Polonius heisst Corambis,

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sein Diener Reynaldo heisst Montano, Rosencrantz und Guildenstern Rossencraft und Gilderstone u. s. w., was unmöglich dem Verhören oder Verschreiben der Aufzeichner und Abschreiber Schuld gegeben werden kann.

Von QA hat sich' bekanntlich nur das Eine im J. 1825 entdeckte und im Besitze des Herzogs von Devonshire befindliche, leider nicht ganz vollständige Exemplar erhalten, von welchem sofort ein zuverlässiger und billiger Abdruck veranstaltet wurde. Collier versichert, dass sich bei der sorgfältigsten Vergleichung des Abdrucks mit dem Originale nur zwei oder drei unbedeutende Buchstabenfehler gefunden hätten. 1 Mommsen stellt die Vermuthung auf, dass diese unerlaubte Ausgabe wahrscheinlicher Weise vernichtet worden sei. Dass übrigens solche unrechtmässigen Drucke nichts Seltenes waren, geht daraus hervor, dass im J. 1637 ein Verbot gegen sie erlassen wurde, womit gewiss das Erscheinen dreier rechtmässiger Ausgaben (Hamlet, Romeo und Julie, Kaufmann von Venedig) in demselben Jahre im Zusammenhange steht. 2

Das Erscheinen der in London nicht mehr aufgeführten und durch die letzte Redaction verdrängten vorletzten Bearbeitung, noch dazu in so arger Entstellung, machte es für Shakespeare selbst wie für die Königsschauspieler, denen er angehörte, zu einer Ehrensache, den Druck der erstern nicht länger zu verhindern, und so erschien denn im folgenden Jahre (1604) die bereits zwei Jahre früher bei der Buchhändlergilde eingetragene erste rechtmässige Ausgabe (QB) “according to the true and perfect coppie' und 'enlarged to as much again as it was', von dem genannten James Roberts für N. Landure gedruckt. Schon aus diesen äussern Umständen geht hervor, dass dieser Ausgabe wo nicht die Originalhandschrift des Dichters, so doch eine sorgfältige Abschrift derselben zu Grunde gelegt wurde, und dass, wenngleich Shakespeare wie überall so auch hier vollständig gleichgültig gegen den Druck seiner Werke geblieben sein sollte, wenigstens seine Gesellschaft für genauen und zuverlässigen Abdruck Sorge trug. Diese Meinung wird auch durch innere Gründe vielfach bestätigt, und Tycho Mommsen hat es neuerdings zur Gewissheit erhoben, dass uns in QB der beste und ächteste Text des vollendeten Hamlet vorliegt. 3

i Collier Shakespeare's Library Vol. I. Introduction to the Hystorie of Hamblet. Vgl. Göthe's Nachgelassene Werke Bd. 5. S. 58 - 63.

2 Mommsen, Der Perkins - Shakespeare 453.

3 In Jahn's Jahrbb. für Philologie und Pädagogik Bd. 71–72, Heft 2 S. 57 75; Heft 3 S. 107 -127; Heft 4 S. 159 — 177.

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